Heiko Mell

Die Solidarität der Habenichtse

Antwort:

Wer nichts hat oder ist, freut sich, dass die anderen auch nichts haben oder sind. Mitunter, Naivität kommt in den besten Kreisen vor, findet er das sogar toll.Ich weiß das, denn ich bin in der Nachkriegszeit als Flüchtling in der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR aufgewachsen. Wir kamen als Neulinge zwangsläufig mit „nichts“ dort an, aber die Etablierten am Ort hatten auch kaum mehr. Das schweißte zusammen, irgendwie.

Aber das Gefühl hielt nicht an. Individuelle Fähigkeiten und individuelle Leistungen wecken den Wunsch, dem gemeinsamen niedrigen Niveau zu entwachsen, sich etwas zu (oder anzu-)schaffen, den eigenen Status gegenüber der Masse sichtbar zu verbessern. Fehlt dazu vom System her die Chance, schaut der Mensch sehnsuchtsvoll über die Mauer – zu denen, die es besser haben. Und wenn er kann, geht er dorthin.

Es ist schon gewagt, von hier aus einen Bogen zu schlagen zu Unternehmen, die kaum noch Hierarchieebenen ihr eigen nennen: „Wir sind total flach, die vielen Ebenen und Stufen haben wir überwunden, alle sind gleich“, sagte der Geschäftsführer – und stand selbst natürlich ganz oben, so wie vor der Verflachung auch. Ich will hier ein organisatorisches Prinzip in einer freien Gesellschaft nicht wirklich mit einem unterdrückenden politischen System vergleichen, aber dennoch scheint es mir Parallelen zu geben, was die im Laufe der Entwicklung schwindende Begeisterung der Menschen für dieses Prinzip angeht: Auch die jungen Akademiker, die als Anfänger (noch) „nichts“ sind, finden es toll, dass auch die anderen nichts sind und nichts haben, Titel und Ränge beispielsweise.

Dann aber zeigen viele von ihnen Leistung, heben sich aus dem großen Team der Gleichgestellten hervor – und wollen dann gern auch etwas mehr sein oder haben (z. B. Einfluss und Macht). Und sie beginnen, sich an der verordneten Flachheit der Hierarchie und der Aussage des Geschäftsführers zu stoßen: „Ich bin nach wie vor hier oben, aber unter mir sind alle gleich.“ Und sie ahnen auch, dass jeder Einzelne von ihnen keine statistisch relevante Chance hat, intern jemals vom einfachen „Soldaten“ den direkten Sprung zum „General“ zu machen – denn sie würden ja vorher niemals Führungserfahrung sammeln können.

Und da senden sie sehnsüchtige Blicke über die Mauer hin zu anderen Unternehmen, die weniger flach sind. Und sie erkennen, dass „flach“ in ihrer Muttersprache nicht zwingend ein positiv belegtes Wort ist. Und gehen zu den anderen Firmen. Die „flachen“ aber wundern sich: „Dauernd verlassen uns die jungen Hoffnungsträger, die besten davon sogar zuerst.“

Da ist so. Denn der Mensch, wenn er sich ein wenig bekrabbelt hat in einer neuen Umgebung, liebt von Natur aus das Flache nicht. Er will nicht nur etwas sein, er will auch etwas werden (können). Und die anderen sollen seine beruflichen Fortschritte sehen!

Deshalb haben sogar die „flachen“ Firmen, wenn sie Produkte erstellen, sorgfältig abgestimmte Modellpaletten mit dem Typ 4b, der etwas „mehr“ ist als der Typ 3c, beispielsweise. Und hat nicht auch die chinesische Armee ihre schmucklos gleichen Uniformen wieder aufgegeben? Fluktuation ist teuer. Man könnte sogar sagen: „Es war schon immer etwas teurer, flach zu sein!“

Kurzantwort:

Wer nichts hat oder ist, freut sich, dass die anderen auch nichts haben oder sind. Mitunter, Naivität kommt in den besten Kreisen vor, findet er das sogar toll.

Frage-Nr.: 232
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-03-17

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