Heiko Mell

Glanz und Elend sehr guter Noten

Antwort:

Einser-Kandidaten fallen auf. Nicht nur, weil sie nicht eben häufig auftreten, sondern zunächst einmal positiv: Es ist, zumindest für einen halbwegs intelligenten Menschen, eine Freude, mit ihnen zu reden. Sie denken schnell, oft scharfsinnig, verstehen (fast) alles, sind mit Andeutungen zufrieden, wo andere umständliche Begründungen erwarten. Dass einige davon manchmal auch nerven, steht auf einem anderen Blatt: Über manche Frau sagt man, sie wäre schön – aber der Nachteil sei, dass sie das wisse. Das gilt für meine ansonsten sehr geschätzten Einser-Kandidaten leider mitunter im übertragenen Sinne auch.

Aber das ist nicht mein Thema. Ich beobachte seit längerem, dass diese besonders begabten Menschen mir überdurchschnittlich oft in der Karriereberatung gegenübersitzen und mehr Probleme haben als es ihrem Anteil an der arbeitenden Gesamtbevölkerung entspricht. Seitdem versuche ich, die Zusammenhänge zu ergründen – ganz pragmatisch und ohne Anspruch auf wissenschaftliche Exaktheit in jedem Detail. Aber ich glaube, vielen Betroffenen helfen oder – ihrem Niveau entsprechend – zumindest nützliche Denkanstöße geben zu können.

Ich komme bisher, man lernt ja stets dazu, zu folgenden Aussagen, die ich einfach nebeneinander gereiht weitergebe, sie sind nicht nach irgendeinem Muster geordnet:

1. Unser „höchster“ Schulabschluss ist das Abitur, also die uneingeschränkte Hochschulreife. Sollten Sie einen anderen Schulabschluss (mittlere Reife, Fachhochschulreife o. ä. ) mit „sehr gut“ abschließen, bemühen Sie sich sofort um einen Abiturabschluss. Den erreichen Sie problemlos, er verpflichtet Sie zu gar nichts, eröffnet Ihnen aber alle Möglichkeiten.

 

2. Wenn Sie ein Studium unterhalb des TU-/TH-/Universitätsniveaus mit „sehr gut“ abschließen, erwägen Sie ernsthaft ein weiterführendes Studium auf höchstem wissenschaftlichen Niveau. Es ist möglich, dass Sie sonst unglücklich werden. Potenziale, die man nicht ausnutzt, sind ein bisschen wie eine Rennmaschine im Standardauto.

 

3. Wenn Sie ein TU-/TH-/Universitätsstudium mit „sehr gut“ abschließen, erwägen Sie eine weiterführende Promotion oder ein Auslandsstudium (PhD, MBA). Unsere Welt ist schon auch ein wenig anfällig für Titel oder akademische Grade – und Ihnen wäre doch einer fast in den Schoß gefallen.

 

4. Ich glaube, dass die allgemeinen Bedingungen in durchschnittlichen Wirtschaftsunternehmen gar nicht für Einser-Kandidaten gemacht sind. Letztgenannte erwarten oft zu viel, stellen zu hohe Ansprüche – vernachlässigen die menschliche/taktische Komponente. Vielleicht fehlt vielen von ihnen auch die Fähigkeit, mit Durchschnittsmenschen von mittlerer Begabung im täglichen Kontakt harmonisch zusammenzuarbeiten. Oft ist eine Tätigkeit im Hochschulbereich oder in der industriellen Forschung (selten!) eine Alternative.

 

5. Nach meinen Erfahrungen kommen Menschen, die ein „gutes“ Examen haben, sehr gut im Wirtschaftsleben zurecht.

 

6. Die „sehr gute“ Note ist nur ein Symptom für etwas – es hilft nichts, ein paar Klausuren bewusst zu verhauen, um eine etwas schlechtere Note zu bekommen. Maßgebend ist die Begabung. Sie ist nicht nur Segen, sondern – falsch eingesetzt – mitunter fast schon Fluch.

Kurzantwort:

Einser-Kandidaten fallen auf. Nicht nur, weil sie nicht eben häufig auftreten, sondern zunächst einmal positiv: Es ist, zumindest für einen halbwegs intelligenten Menschen, eine Freude, mit ihnen zu reden. Sie denken schnell, oft scharfsinnig, verstehen (fast) alles, sind mit Andeutungen zufrieden, wo andere umständliche Begründungen erwarten. Dass einige davon manchmal auch nerven, steht auf einem anderen Blatt: Über manche Frau sagt man, sie wäre schön – aber der Nachteil sei, dass sie das wisse. Das gilt für meine ansonsten sehr geschätzten Einser-Kandidaten leider mitunter im übertragenen Sinne auch.

Frage-Nr.: 230
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-03-03

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