Heiko Mell

Die „das-dass-Rechtschreibkultur“

Ich bin Ende 50, Manager in der deutschen Tochter eines internationalen Konzerns, der sich rühmt, eines der Top-100-Unternehmen weltweit zu sein.

Seit ein paar Jahren fällt mir auf, dass viele höhere Angestellte, auch sogenannte Manager, bis auf wenige Ausnahmen die das-dass-Rechtschreibung nicht beherrschen. Das betrifft auch Projekt Manager und Account Manager mit häufigem Kundenkontakt. Die Kommunikation wird bekanntlich von E-Mails dominiert, in die sich schon mal Buchstabendreher einschleichen oder bei denen aus Versehen die Nachbartaste mit angeschlagen wird. Bei „das-dass“ hilft jedoch nicht einmal die automatische Rechtschreibkorrektur.

Kürzlich kam bei uns in einem Management Meeting die Sprache auf die Kommunikation per E-Mail. Ich hatte als Beitrag zur Verbesserung der Kommunikationskultur erwähnt, dass die das-dass-Schreibweise häufig falsch und diese Tatsache für einen Weltkonzern sehr peinlich sei (vor allem im Kontakt mit Kunden und Lieferanten).

Kurze Zeit später erreichte mich eine E-Mail vom Geschäftsführer (der an der erwähnten Besprechung teilgenommen hatte), in der er „dass“ nur mit einem „s“ geschrieben hatte.

Jetzt bin ich mit meinem Latein am Ende. Wohlgemerkt: Wer ohne Rechtschreibfehler ist, werfe den ersten Stein, aber die Regel, wann „dass“ oder „das“ geschrieben wird, ist wohl eine der einfacheren.

Auch von externen Absendern kommen häufig Mails mit entsprechenden Fehlern an. Jetzt frage ich mich, ob diese Rechtschreibregel aufgehoben wurde, ohne dass ich davon gehört habe oder ist die deutsche Rechtschreibkultur am Boden?

Antwort:

Nicht nur die Rechtschreib-, sondern die gesamte Sprachkultur der Deutschen entwickelt sich zurück zu den Anfängen („Ich Tarzan, du Jane“).

Provokante These von mir dazu: Die Kapazität, die dem Durchschnittsmenschen für sprachliche Belange zur Verfügung steht, beträgt 100 %. Je mehr davon für das Lernen fremdsprachiger Begriffe verbraucht wird („Ich weiß nicht, ob Herr Müller in einer Besprechung ist, ich weiß nur von einem Meeting“), desto weniger bleibt für die Mutter-sprache übrig.

Als Folge neigen deutsche Akademiker vermehrt dazu, hanebüchene Texte zu verschicken. Das schließt den Inhalt, die Argumentationslogik, den Satzbau und die Rechtschreibung gleichermaßen ein. Die „das-dass-Geschichte“ ist dabei nur Symptom einer tiefgreifenden Krankheit. Die wiederum werden wir beide allein nicht besiegen – aber wir können versuchen, tapfer unseren Beitrag zu leisten. Bleiben wir bei „das-dass“:

1. Meine Warnung an alle Leser: Fehler der hier angesprochenen Art verpuffen natürlich bei Briefempfängern, die auch keine Ahnung haben, machen aber auf andere einen Eindruck in Richtung „ungebildet“. Wollen Sie als ungebildet gelten? Also dann.

Und falls Sie das nicht glauben wollen: Es ist als würden Sie zwei verschiedenfarbige Socken zum Abendanzug anziehen, bei einem „gehobenen“ Mittagessen das Messer ablecken oder im Kreise von Fußballfans die Vermutung äußern, Fritz Walter sei derzeit Trainer der Nationalmannschaft. Die Reaktion: Der Gesprächspartner „zuckt“ und stuft Sie auf seiner internen Rangskala zwei Stufen tiefer ein. Wie gesagt: Es sei denn, er weiß es selbst nicht besser. Aber seien Sie dessen versichert: Weiter „oben“ finden sich erstaunlich viele, die von Sprache ebenso viel verstehen wie beispielsweise von der farblichen Abstimmung von Socken.

2. Mit Rechtschreibung hat das eigentlich gar nichts zu tun. „Das“ ist ebenso richtig wie „dass“ – aber es gehört jeweils nur eines dieser Wörter dort hin. Auf dieser Basis versteht man auch, warum die normale Rechtschreibprüfung im PC-Programmpaket versagt. Im „Ernstfall“ ist das Wort nicht falsch geschrieben, es ist das falsche Wort an jener Stelle. Die Frage lautet also nicht: Schreibt man hier das/s mit einem oder mit zwei s, sondern muss da ein „das“ oder ein „dass“ hin? Ein entsprechender Fehler umfasst dann auch nicht „bloß einen Buchstaben“, sondern ist etwa so, als hätten Sie „Gartenzaun“ statt „Bundeskanzler“ geschrieben. Dass beide das/s gleich klingen, nehmen Sie einfach als Zufall.

3. Natürlich gibt es Regeln für das/s – aber sie scheinen nichts zu taugen, denn die Mehrheit kennt sie nicht oder merkt sie sich nicht. Man könnte appellieren: Leute, lernt die Regeln besser, aber das bringt ja nichts. Also versuche ich es mit einer ganz einfachen:

Wenn Sie im fertigen Satz ein das/s nicht durch ein anderes, halbwegs passendes Wort ersetzen können, ohne anderweitige Veränderungen vorzunehmen(!), gehört „dass“ dorthin.Kürzer: „Das“ kann man ersetzen, „dass“ nicht (sofern der Satz sonst unverändert und sinnvoll bleibt).

Beispiel 1: „Ich hoffe, das/s es bald regnet.“ Es gelingt nicht, „das/s“ bei gleichem Sinn und identischem Wortlaut zu ersetzen, es muss also „dass“ heißen.

Beispiel 2: „Das/s (1) das/s (2) Problem, das/s (3) uns in den letzten Tagen beschäftigt hat, noch immer ungelöst ist, betrübt mich so, das/s (4) ich das/s (5) tun werde, was ich vorher nie tat.“ Es gelingt nicht, Nr. 1 bei unverändertem Text zu ersetzen – also „dass“. Für Nr. 2 geht problemlos „jenes“ – also „das“. Für Nr. 3 geht problemlos „welches“ – also „das“. Für Nr. 4 geht nichts anderes – also „dass“. Für Nr. 5 geht „etwas“ – also „das“.

Ich habe weder die Kompetenz, noch die Möglichkeiten, alle denkbaren Varianten durchzuspielen, neige mein Haupt und erwarte die vernichtende Kritik von Deutschlehrern – bitte die dann aber um bessere Ideen (eine kurze Regel in einem kurzen einprägsamen Satz). Ich bin jedoch reinen Herzens, was meine Motive angeht: Selbst wenn mein Regelversuch Schwächen hat, scheint mir bei der Anwendung durch unbeleckte Amateure die Trefferquote höher zu sein als bisher. Und da ich mich gerade warmlaufe, hier die Krönung (aber noch einfacher sollte man bei der Zielgruppe „deutsche Akademiker“ denn doch nicht werden):

WENNS ANDERS NICHT GEHT,DANN DOPPEL-S STEHT.

Beachten Sie bitte auch das ausgesuchte Versmaß. Und es reimt sich. Mehr war mir im Augenblick nicht möglich. Und nun testen Sie die Geschichte in aller Ruhe. Sofern die Regel den Test übersteht, verbreiten Sie sie weiter.

Frage-Nr.: 2284
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-01-21

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