Heiko Mell

Trauen Sie nichts und niemandem!

Antwort:

Die Geschichte fängt ganz einfach und harmlos an: Ein Ihnen beruflich sehr am Herzen liegender Mensch, beispielsweise ein ranghoher Vorgesetzter, ein Kunde o. ä. will bis morgen Mittag ein für ihn äußerst wichtiges Dokument von Ihnen in Händen haben. Sie entscheiden sich für den Postversand und beauftragen einen Mitarbeiter, den Umschlag rechtzeitig für den Abgang der heutigen Sendungen in der zuständigen Hauspoststelle abzugeben. Die werden Ihren Brief an die Post AG weiterleiten und die wiederum wird innerhalb eines Tages …

Bekommt der Empfänger seinen Brief? Sehen Sie, da beginnt das Problem, denn darauf kommt es gar nicht an! Bei dem Prozess spielen viel zu viele handelnde Personen und viel zu viele technische Unwägbarkeiten mit. Niemals hätte sich ein Profi auf eine Kette verlassen, deren Glieder so zahlreich sind – und die er nicht alle im Griff haben kann. Denn selbst wenn dieser Empfänger gut bedient wird, kann morgen in einem anderen Fall die Sache scheitern.

Nein, wenn Sie Erfolg haben wollen, fahren Sie hin und überbringen den Brief selbst. Da das nicht immer machbar ist, sei die Delegation an eine(!) Vertrauensperson zugestanden. Die aber fährt dann persönlich. Alles andere – ist gewagt.

Oder: Sie legen dem Vorstand eine komplizierte, brisante Vorlage vor. Dabei vertrauen Sie diversen Zahlen, die Ihre Mitarbeiter oder gar Leute aus anderen Abteilungen ausgerechnet haben. Na, herzlichen Glückwunsch, Sie lieben die Gefahr.

Schließlich könnten Sie einem beruflichen Partner eine „dramatische“ Nachricht übermitteln wollen, beispielsweise per Fax oder E-Mail. Aber kommt die auch an? Und wenn sie das tut: Liest er sie auch rechtzeitig? Verlassen Sie sich bloß nicht darauf. Eine Kette aus mehr als zwei Gliedern hat auch mehr als zwei Schwachstellen. Sie dürfen Ihre berufliche Existenz nicht daran hängen. Also rufen Sie den Empfänger an und fragen Sie nach. Sicherheitshalber.

Sie dürfen sich auch nicht darauf verlassen, dass Ihre Freundin morgen Ihre frisch komponierte Bewerbung ausdruckt, eintütet und richtig frankiert in den Briefkasten steckt. Denn Sie müssen nicht den Bildschirmtext, sondern das Ausgedruckte zur Kontrolle lesen. Und selbst prüfen, ob die richtigen Zeugnisse im Umschlag landen. Und ob Sie den Empfänger mit Nachporto „erheitern“. Alles andere ist ein Risiko.

Wo immer Sie Perfektion erwarten, müssen Sie „es“ selbst tun. Nicht weil die anderen unfähig wären – aber Ihnen ist die Sache wichtiger als denen. An dem rechtzeitig eingegangenen Dokument aus dem Eingangsbeispiel kann Ihr Schicksal hängen – für Ihre Hauspost ist a) das nur eine Sendung unter tausend anderen und b) in sieben Minuten Feierabend.

Und misstrauen Sie jedem, der Ihnen versichert, es sei alles in schönster Ordnung, er habe das Ding selbst in den richtigen Kasten gelegt. Das steht für gute Absichten, taugt aber nicht als Beweis, dass Ihr Ziel auch erreicht wurde. In Ordnung ist die Angelegenheit erst, wenn jemand das rechtzeitige Eintreffen konkret bestätigt hätte.

Sehen Sie, wir haben hier u. a. auch eine Anzeigenagentur für Stellenanzeigen. Und wir legen Wert auf äußerste Perfektion. Mit neuen Mitarbeitern gibt es immer wieder Missverständnisse: Sie denken, ihre Arbeit sei einwandfrei erbracht, wenn sie den Auftrag auch rechtzeitig an die Verlage abgesendet hätten. Es dauert immer eine Zeit, bis wir die Erkenntnis vermitteln können, dass es dem Kunden gleichgültig ist, wer wann was abgeschickt hat. Er will, dass seine Anzeige richtig und pünktlich abgedruckt wird. Im Misserfolgsfalle ist die Schuldfrage zweitrangig, der Erfolg ist das alleinige Ziel. Also ist bei uns die Arbeit erst erledigt, wenn am Erscheinungstag auch die Anzeige korrekt im Blatt steht.Und deswegen gilt: Wenn es darauf ankommt, müssen Sie es selbst tun oder mindestens selbst überwachen. Das hat Konsequenzen:

a) Die Leute, für die Sie arbeiten, schätzen Ihre Präzision und Zuverlässigkeit.

b) Sie treiben einen hohen Aufwand mit geringem Nutzeffekt: 99 Kontrollen bestätigen nur, dass tatsächlich alles in Ordnung war und problemlos geklappt hätte. Aber dann haben Sie im hundertsten Fall endlich Erfolg mit Ihrem permanenten Misstrauen. Mit dieser aus wirtschaftlicher Sicht unbefriedigenden Quote müssen Sie leben (können).

c) Ihr (berufliches) Umfeld schätzt Ihren entsprechenden Stil nicht. Am wenigsten erfreut sind Ihre Mitarbeiter über das ständig sichtbare „Misstrauen“. Daher brauchen Sie starke Nerven. Und Mitarbeiter, die erst dann „der macht mich wahnsinnig“ murmeln, wenn Sie außer Hörweite sind.Letztlich haben Sie, wie überall im Leben, die Wahl. So wie Sie entweder viel Geld auf dem Konto oder laufend hohe Ausgaben haben.

Es gibt sicher einen Mittelweg. Der ist für Durchschnittstypen. Sind Sie einer?

Und ich? Seit über zwanzig Jahren steht hier jede Woche mein Beitrag, bisher war noch nie ein weißer Fleck an seiner Stelle. Ich bin darauf stolz. Aber können Sie sich vorstellen, wie viele Rück- und Nachfragen manche Menschen wegen dieses Ergebnisses haben ertragen müssen? Mit dem Tolerieren von zwei bis drei fehlenden Manuskripten pro Jahr hätten wir es alle leichter gehabt, vielleicht bis auf die Verantwortlichen dieser Zeitung. Aber zum Glück traue ich niemandem, mitunter nicht einmal mir. Ich muss gleich einmal fragen, ob mein Beitrag für diese Woche schon auf den Weg gebracht worden ist … Oder besser: Ist er auch angekommen?

Aber den zentralen Rat meine ich ernst: Nur was Sie selbst tun oder wenigstens selbst überwachen, ist letztlich perfekt. Und die Fähigkeit zur Delegation? Ist ein heißes Eisen: Delegieren Sie nicht, sind Sie kein Manager. Delegieren Sie zu viel, leben Sie auf dem Pulverfass. Und hat nicht Uljanow, der als Lenin bekannt wurde, gesagt „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“? Hat er sinngemäß, aber das russische Volk kannte den Ausspruch schon lange zuvor.

Kurzantwort:

Die Geschichte fängt ganz einfach und harmlos an: Ein Ihnen beruflich sehr am Herzen liegender Mensch, beispielsweise ein ranghoher Vorgesetzter, ein Kunde o. ä. will bis morgen Mittag ein für ihn äußerst wichtiges Dokument von Ihnen in Händen haben. Sie entscheiden sich für den Postversand und beauftragen einen Mitarbeiter, den Umschlag rechtzeitig für den Abgang der heutigen Sendungen in der zuständigen Hauspoststelle abzugeben. Die werden Ihren Brief an die Post AG weiterleiten und die wiederum wird innerhalb eines Tages …

Frage-Nr.: 227
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-02-10

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