Heiko Mell

Einen Fußtritt zum Abschied?

Antwort:

In meinem beruflichen und privaten Umfeld scheiden derzeit zahlreiche Führungskräfte aus dem Arbeitsleben aus und genießen das, was gemeinhin „wohlverdienter Ruhestand“ heißt. Viele von ihnen begleite ich seit vielen Jahren auf ihrem Weg, andere schildern mir gezielt ihre persönlichen Empfindungen beim Abschied. Dass sich die Fälle häufen, liegt an den Geburtsjahrgängen, die jetzt betroffen sind: Wäre ich nicht selbstständig, gehörte ich früher oder später dazu. So aber bleibe ich noch eine Weile.

Aber um mich geht es hier nicht, allenfalls um mein Empfinden dabei. Dass die anderen jetzt gehen, ist ja in Ordnung; sie haben es seit langem gewusst, manche haben den Tag des Ausscheidens sogar herbeigesehnt. Mir aber geht es darum, wie, unter welchen Umständen sie gehen (müssen): Da ist kaum einer, der in Harmonie ausscheidet, geachtet bis zuletzt – und mit der Chance, auch am Schluss noch stolz auf die Lebensleistung zu sein. Und auf das, was er hinterlässt.

Die Hintergründe sind verschieden, die Ursachen lassen sich nur andeutungsweise vollständig aufzählen: das Unternehmen wurde verkauft – der neue Eigentümer setzte nicht mehr auf übernommene alte Manager; die xte Umstrukturierung führte zum Wegfall der Position kurz vor der Pensionierung; ungeduldige Nachdrängler erreichten noch wenige Monate vor dem ohnehin geplanten Ausscheiden ein vorzeitiges Entbinden von der Führungsverantwortung oder zumindest von einem Teilbereich. Der „Pensionär“ wird gezwungen, nach so vielen Jahren im Streit oder in Verbitterung zu scheiden. Mitunter stellen sich auch Unternehmensleitungen unnötig stur, was – bescheidene – Wünsche der Ausscheidenden zum Termin oder zu einer Bagatelle wie dem Ablauf der Abschiedsfeier angeht.

Die Betroffenen sagen nur allzu oft, sie hätten das Gefühl, zum Abschied einen Fußtritt erhalten zu haben. Und das missfällt mir zutiefst. Nicht aus Sozialromantik, von dem Vorwurf bin ich frei. Aber erstens ist das eine Sache der Moral: Sehr viele dieser jetzt ausscheidenden Manager haben über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg sehr viel für die Firma getan. Schön, ich selbst sage: Leistungen in der Vergangenheit sind abgegolten mit dem Gehalt von gestern und vorgestern. Aber ich verlange auch keine Prämie zum Abschied, sondern nur ein bisschen – ich riskiere den Begriff – Respekt.

Und zweitens ist das eine Frage der Vernunft: Die ganze nachfolgende Generation sieht, was da geschieht und macht sich so ihre Gedanken, was wohl eines Tages ihr „Lohn“ sein wird. Als Zyniker empfehle ich den Unternehmen: Das Geld für den nächsten Motivationskurs für das Management können Sie dann auch gleich einsparen.Drittens sollte die Logik den Verantwortlichen sagen, dass sie in absehbarer Zeit (die, ich verspreche es, sehr schnell vergeht) selbst betroffen sein werden. Dann machen andere, was üblich ist in diesem Hause. Und üblich wird sein, womit man jetzt beginnt.Natürlich müssen wir alle Geld verdienen. Aber tatsächlich auch um jeden Preis? Ist es revolutionär, diese Frage zu stellen? Und wie viel würde ein Unternehmen in Euro verlieren, verzichtete es auf den Fußtritt am Schluss? Aus Anstand, beispielsweise.

Kurzantwort:

In meinem beruflichen und privaten Umfeld scheiden derzeit zahlreiche Führungskräfte aus dem Arbeitsleben aus und genießen das, was gemeinhin „wohlverdienter Ruhestand“ heißt. Viele von ihnen begleite ich seit vielen Jahren auf ihrem Weg, andere schildern mir gezielt ihre persönlichen Empfindungen beim Abschied. Dass sich die Fälle häufen, liegt an den Geburtsjahrgängen, die jetzt betroffen sind: Wäre ich nicht selbstständig, gehörte ich früher oder später dazu. So aber bleibe ich noch eine Weile.

Frage-Nr.: 226
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-02-03

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