Heiko Mell

Unbekannt und unbeliebt? Die Karriereberatung bei Studenten

Vor ein paar Monaten wurde ich zufällig auf Ihre Serie in den VDI nachrichten aufmerksam. Nach einem Studium sämtlicher im Internet archivierter Serienbeiträge habe ich einmal in der Universität (Karlsruhe, d. Autor) nach einer Ausgabe der VDI nachrichten gesucht – Fehlanzeige. Auch von Professorenseite (die Herren geben jedoch durchaus sporadisch Hinweise aufs Berufsleben) wurde Ihre Serie nicht erwähnt. Vielen Kommilitonen (1) sind die VDI nachrichten ebenfalls unbekannt (im 7. Semester).

Nach der Lektüre bleiben mir aus den archivierten Beiträgen u. a. zwei Ihrer Aussagen im Bewusstsein:

1. Ihre Serie scheint unter Studenten ebenso unbekannt oder „unbeliebt“ zu sein wie unter Absolventen, eher noch unbekannter (2).

2. Die Gründe dafür erschließen sich Ihnen eher nicht; Sie wundern sich darüber, wenn ich Sie richtig verstanden habe.

Da Sie ebenfalls einmal geschrieben haben, als Reaktion scheuten Sie auch aktive Ablehnung nicht, will ich Ihnen nun meine Reaktion mitteilen, die, ich versichere es Ihnen, als rein konstruktive Kritik gemeint ist.

Zunächst fällt ein wenig mittelalterliches Vokabular auf. Sie schreiben von „Vorgesetzten“ (3) (manch einem aus der wie auch immer gearteten Pflichtdienstzeit eher unangenehm in Erinnerung, hier schimmern wohl preußische Wurzeln bei Ihnen durch) und „Disziplinarvorgesetzten“ (4) (nun ist es endgültig jenseits der Toleranzgrenze, und dazu muss man „Disziplin“ nicht einmal schlecht finden). Und von vielen weiteren „Vorgesetzten“. Des Weiteren von „Dienst“, „Dienstbesprechungen, in denen niemand einfach essen oder trinken würde“ (damit bezogen Sie sich auf das Verhalten von Studenten (5) in Vorlesungen – die jedoch keine „Dienstbesprechungen“ sind!) und vielen weiteren Komposita, die „Dienst“ enthalten.

Des Weiteren von „Häkchen“, die sich „krümmen“ (6). Des Weiteren von „Elite“ (7), ein auf jeden Fall negativer Begriff (steht für eine ausgrenzende, sich für etwas Besseres haltende, also gewissermaßen arrogante Personengruppe: ob sie tatsächlich „besser“ ist, ist unerheblich). Bitte stellen Sie aber keinen unmittelbaren Zusammenhang mit den jüngsten Zuschriften zu diesem Thema her – ich habe nichts gegen überdurchschnittlich intelligente Menschen. Ich bin selbst einer (8), hatte ebenfalls mit meiner mich verkennenden Umwelt zu kämpfen und wehre mich trotzdem heftig dagegen, zu einer „Elite“ gezählt zu werden, welcher Art sie auch immer ist. Der Begriff ist de facto „tot“ (7a). Diese Begriffe klingen, um dies zusammenzufassen, allesamt überholt bis abschreckend.

Auch von merkwürdigen Benimmregeln wurde bereits geschrieben; so soll man sich nicht unaufgefordert hinsetzen, wenn man „das Büro eines Vorgesetzten“ (9) (hier bitte einen Studentenseufzer denken) betreten hat. Erstens sind Professoren das aus Studentensicht nicht (wohl aber Respektspersonen), zweitens ist es dann wohl mein Glück, dass ich bisher immer zuallererst aufgefordert wurde (mich hinzusetzen). Jemanden, der dies negativ wertet und dann nicht einmal offen kritisiert, bezeichne ich vorbehaltlos als hinterhältig und kleinkariert. Was sind das für „Vorgesetzte“, die so handeln?

Noch schlimmer ist jedoch Ihr Klagen über „die jungen Absolventen“, „die jungen Ingenieure heute“, manchmal deuten Sie an, dass „früher alles besser war“ (10). Auch wenn Sie das vielleicht so nicht sagen wollen – so kommt es bei mir als Leser an. Welchen Anklang das bei Studenten unter 25 findet, können Sie sich doch vorstellen?

Wie Sie als Rat für Bewerbungen stets zu formulieren pflegen: Sie bewerben (11) sich mit Ihrem Werk (in Ihrem Fall bei potenziellen Lesern), also sorgen Sie bitte für eine positiv wirkende Verpackung (wenn schon der Inhalt nicht angenehm ist). Das Jammern über „die Jugend von heute“ ist dies ebenso wenig wie Ihre etwas angestaubte Ausdrucksweise!

Sie wollen, dass Studenten sich Ihre Ratschläge zu Gemüte führen, die Sie auf eine angenehm schonungslose Art und Weise zu Papier bringen. Gut. Inhaltlich werden Sie Studenten also wirklich nicht begeistern können, wer lässt sich schon gern „in den Hintern treten“. Auch gut. Dann sollten Sie aber wenigstens sprachlich ein gewisses Entgegenkommen zeigen, sie also insoweit „schonen“ (also eben nicht „schonungslos“ sein), damit Ihre Texte nicht auch noch in formaler Hinsicht als Fremdköper erscheinen. Ich kann damit umgehen, aber manche meiner Kommilitonen (12) (auch dieser Begriff ist schon an der Grenze zum Mittelalter, glauben Sie es mir bitte) vielleicht nicht. Wer als Student die Auswahl zwischen einer modernen Computerzeitschrift, Föllingers „Regelungstechnik“ und einem Ihrer Serienbeiträge hat, dürfte eher nicht zu Ihrem Beitrag greifen(13).

Meine Kritikpunkte habe ich nun hoffentlich erfolgreich vermittelt; ich lese Ihre Beiträge eigentlich nur deshalb überhaupt noch, weil ich über die Kritikpunke hinwegsehe und weil ich immer noch hoffe, dass Sie eigentlich ein Glossenschreiber sind. Leider wurde mir nun schon von verschiedener Seite klargemacht, dass meine Hoffnung unbegründet ist, vielmehr hätten Sie wohl weitgehend recht (14). Schade, denn auf eine solche Berufswelt (oder auch „Vorgesetzten“-Welt) kann ich mich nicht so recht freuen. Aber vielleicht ändere ich mich ja bis zum Abschluss noch.

Nun also meine Bitten aus der studentischen Praxis an Sie als praxisfernen Außenstehenden (15):

1. Ändern Sie Ihren Ausdruck. Siehe oben.

2. Halten Sie trotzdem mit eiserner Disziplin (sehen Sie, auch ich kann Ihnen entgegenkommen) an dem fest, was Sie vermitteln wollen (sofern es nicht gerade „früher war alles besser“ ist).

3. Veröffentlichen Sie mehr Zuschriften, die direkt Studenten betreffen (ich weiß, als potenzielle Mitglieder Ihrer in Arbeit stehenden Zielgruppe betrifft uns jeder Beitrag „irgendwie“) (16).

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und Freude mit Ihrer Serie.

Antwort:

Ich bin wirklich dankbar für diese Zuschrift, gibt sie mir doch die Chance zu wichtigen Klarstellungen. Ausnahmsweise habe ich nichts gekürzt. Ich wollte mich nicht dem Vorwurf aussetzen, gerade die entscheidenden Argumente gestrichen zu haben. Die in den Text eingestreuten, in Klammern gesetzten Zahlen sind von mir.

Zur Sache: Sie fangen richtig an, indem Sie mein Unverständnis aufgreifen, dass keineswegs 100 % aller Studenten diese Serie lesen oder zumindest von ihrer Existenz wissen. Aber dann kommt ein kardinaler Denkfehler (über dessen Offenlegung ist mich insofern freue als ich diese Fehlinterpretation sonst kaum für möglich gehalten hätte): Ich bewerbe mich (11) mitnichten mit meinem Werk bei Studenten und Ihr „also sorgen Sie bitte für eine positiv wirkende Verpackung“ ist aus meiner Sicht entweder völlig daneben oder schon anmaßend. Ich habe doch nichts davon, wenn mich noch ein paar Studenten mehr lesen – ich will denen helfen, sonst nichts! Dabei habe ich nichts zu gewinnen als die Gewissheit, ein gutes oder zumindest vernünftiges Werk getan zu haben.

Und so fühle ich mich wie jemand, der Gaben verteilt an Menschen, bei denen man den Eindruck hat, sie hätten sie nötig – der aber zu hören bekommt, er solle sich gefälligst mehr Mühe damit geben, das Zeug netter einzupacken, sonst nähmen sie es nicht.

Ausgangssituation dieser Serie war meine Erkenntnis aus Bewerbungen (bis heute mehr als 15.000 selbst geführte Vorstellungsgespräche), Beratungsgesprächen, Auftritten bei öffentlichen Veranstaltungen und Kontakten in den Betrieben: Die Ingenieure wissen zu wenig über die „Spielregeln des Berufslebens“, machen unverständliche, aber folgenschwere Fehler, stellen erst falsche Weichen und wundern sich dann über die Resultate. Da meinte ich, eine Basis für eine geringere Quote falscher oder unglücklicher Handlungen schaffen zu können. Durch Aufklärung über die Spielregeln des Berufslebens. Das ist mir offenbar in erfreulichem Maße gelungen, inzwischen habe ich eine ganze Generation von Ingenieuren begleiten dürfen, viele davon haben sich sehr anerkennend über diesen Service geäußert. Mein Anliegen: Ich versuche, aus der Sicht der Praxis über Hintergründe von Entscheidungen zu informieren und daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen zu geben. Insofern amüsiert mich Ihre Definition gemäß 15 schon ein bisschen: Aus meiner Sicht ist das Berufsleben „die Praxis“, ist die Uni der eher praxisferne Bereich.

Die Studenten sind nun ein besonderer Fall: Während die „fertigen“ Ingenieure schnell merken, dass ich mit meinen Aussagen grundsätzlich richtig liege und der „Praxis“ ja auch zwanzig bis vierzig Jahre erhalten bleiben, haben viele Studenten erst wenig Interesse an den Feinheiten der Berufsausübung – und dann stolpern sie in die Realität hinein. Ideal für sie wäre ein Lesen dieser Serie ab Hauptstudium.

ABER DAS LIEGT IN IHREM INTERESSE, NICHT IN MEINEM.

Und ich – ich sehe die Aufforderung eher ungern, über dieses Angebot hinaus die angebotene „Nahrung“, die ich da kostenlos anbiete, auch noch zielgruppengerecht vorzukauen oder zu pürieren.Es ist schade, dass nicht alle Studenten diese Beiträge lesen oder überhaupt wissen, dass es sie gibt. Aber wenn ich die Praxis, in die sie in Kürze hineinwechseln wollen oder müssen, hier einigermaßen korrekt wiedergebe, dann müssen diese jungen Leute auch mit der entsprechenden Beschreibung zurechtkommen. Tun sie es nicht, könnte es auch an ihrem einschlägigen Wissen über diese „Welt da draußen“ liegen – dann hätten sie Nachholbedarf. Und diese Lücken müssten sie dringend schließen.

Ich kann doch in einer vorrangig auf die Welt der Industrie („Ingenieure“) ausgerichteten Karriereberatung keine besondere, empfindsame Gemüter nicht belastende Sprache verwenden, wenn es um die Manager von morgen in diesem beruflichen Metier geht. Da käme ich mir ja vor wie der „Wetterfrosch“ im Fernsehen, dem man erläutert, ein Teil der Zuschauer hätte den ständigen Regen satt und wolle das Wort nicht mehr hören, er solle sich ein anderes ausdenken.Konkret: Wenn eine Nachwuchsgruppe die Sprache der Welt, in die sie hineinstrebt(!) nicht mag, dann müsste sie an sich arbeiten und nicht verlangen, anders angesprochen zu werden. Dies ist ja keine Werbung für die Annahme von Jobs, hier soll Leuten geholfen werden, die in Kürze dringend solche Jobs erringen wollen bzw. müssen.

Nun noch schnell zu den wichtigsten Ihrer Detailanmerkungen:

Bei 1 sagen Sie selbst instinktiv „Kommilitonen“, bei 12 finden Sie, der Begriff sei an der Grenze zum Mittelalter. Was ist denn „in“? Etwa „Kumpels im Geiste“?

Zu 2: Diese Serie enthält – etwa analog zur Leserschaft – eine „bunte Mischung“ von Einsendungen aus allen Stadien und Vorstadien des Ingenieurseins. Nur: Die berufserfahrenen Leser überwiegen – und allzu viele studententypische Themen langweilen sie, weil sie das hinter sich haben (s. aber 16).

Zu 3: Es sind „Vorgesetzte“, auch wenn sie mitunter Leiter, Führungskräfte, Manager oder Chefs genannt werden. Leben Sie damit, gewöhnen Sie sich daran, dass der abhängig Beschäftigte (jeder Angestellte ist es) Vorgesetzte hat („Verhalten gegenüber Vorgesetzten“ steht in jedem Arbeitgeberzeugnis).

Zu 4: Der „Disziplinarvorgesetzte“ (der es bleibt, wenn Sie ihn anders nennen) ist ein Fachbegriff. Im Unterschied zum „Fachvorgesetzten“ darf er einstellen, entlassen usw.

Zu 5 und 9: Machen Sie in Ihren Vorlesungen und bei Ihren Professoren, was Sie wollen. Die Gefahr besteht darin, dass Sie es in der Praxis auch tun – was dort „tödlich“ wäre.

Zu 6: Das ist eine uralte Volksweisheit, etwa wie: Die Axt im Haus erspart den Zimmermann. Es bedeutet: Wer Konzertpianist werden will, muss als Kind mit dem Klavierspiel anfangen. Ich verstehe nicht einmal ansatzweise, was dagegen sprechen sollte.

Zu 7: „Elite“ ist weder tot noch kommt man ohne sie aus. Google weist millionenfache(!) Nennungen des Begriffes aus – Sie dürfen den Begriff nicht mögen, aber recht haben Sie deshalb noch lange nicht. Ohne Elite läuft ein Land Gefahr, bald in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Aber Eliten definieren sich nicht vorrangig über die Intelligenz.

Zu 8: Sagen Sie nie über sich, Sie seien überdurchschnittlich intelligent. Die Leute mögen das nicht, man tut es nicht.

Zu 10: Das würden Sie mir zu gerne anhängen – aber es sieht so aus als hätten Sie keinen Beweis gefunden.

Zu 13: Ich konkurriere nicht mit Computerzeitschriften. Ich biete Informationen über die nächste – wichtigste – Phase Ihres Lebens.

Zu 14: Danke dafür. Es ist mein zentrales Anliegen, die Gegebenheiten der Praxis zutreffend herüberzubringen. Es ist nicht wichtig, ob Sie mich mögen, es ist nicht einmal wichtig, ob Sie die Praxis mögen. Es ist aber wichtig, dass Sie vor Ihrem Eintritt in dieselbe so viel wie möglich darüber wissen.

PS: Dieser Beitrag wäre nicht vollständig ohne den Hinweis auf sehr viele Studenten, die durch Einsendungen zu dieser Serie, durch aktive Teilnahme an einschlägigen öffentlichen Veranstaltungen und durch Besuch meiner Vorlesungen an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg ihr Interesse an diesen Themen nachdrücklich unter Beweis stellen. Und zahlreiche Professoren weisen auch gezielt auf diese Serie hin.

Frage-Nr.: 2186
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-01-16

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