Heiko Mell

Irgend so’n Zahnrad …

Antwort:

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Konstrukteur. Von Getrieben. Und für Ihre jüngste Kreation brauchten Sie noch ein kraftübertragendes Bauteil. Da rufen Sie dann den Einkauf an und sagen ihm, man solle „irgend so’n Zahnrad“ beschaffen.Ist das denkbar? Der Ingenieur schüttelt sich allein bei dem Gedanken. Ich weiß auf Anhieb nicht (mehr), wie viele Angaben man braucht, um ein Zahnrad technisch exakt zu definieren. Aber klar ist, dass es viele Informationen sind, um dieses Bauteil zweifelsfrei zu beschreiben – vom Bohrungsdurchmesser für die Welle über die Zähnezahl, die Zahnflankengestaltung bis hin zur Werkstoffqualität.

Schön, wenn Sie mir bis hierher gefolgt sind. Jetzt machen wir einen Dimensionssprung: Wir reden nicht mehr über „tote“ Zahnräder, sondern über aktive, denkende Menschen. Von denen brauchen wir jetzt einen, um ihn in das „Getriebe“ einer Abteilung, eines Betriebes oder ganzen Unternehmens zu integrieren.

Es gibt bei der Beschaffung dieses neuen Mitarbeiters einen wesentlichen Unterschied zum Einkauf von Bauteilen: Das Zahnrad ist ein passives Produkt, das von sich aus gar nichts tut. Der Suchende definiert es und der Lieferant beschreibt im Angebot eines, das diesem Standard entspricht. Bei der Suche nach einem Menschen übernimmt dieser die erste Einschätzung, ob er sich grundsätzlich eignen könnte – und dann beschreibt er sich in der Bewerbung auch noch selbst. Mit eigenen Worten, nach eigenen Vorstellungen und in einer Detailliertheit, die er für richtig ansieht.

Seien Sie froh, liebe Leser, dass „dumme“ Zahnräder das nicht auch tun. Selbst die sehr viel intelligenteren Menschen kommen damit nur sehr unvollkommen zurecht. Denn: So wie beim Zahnrad diverse Angaben zwingend notwendig sind, um das Erzeugnis beurteilen zu können, so ist das auch beim Bewerber. Es reicht dem Ingenieur nicht zu lesen „ich bin ein Zahnrad“, es reicht dem Bewerbungsempfänger nicht, steht da nur „ich bin ein Ingenieur“. Und so wie beim Beispiel-Bauteil vielleicht die Zahl der Zähne und die Flankenform die maßgeblichen Definitionskriterien sind, so definiert sich der erfahrene Ingenieur vorrangig darüber, welchen Erfahrungshintergrund er hat. „Was“ er gemacht hat, erfährt man meist noch, wenn auch oft unzureichend. Aber wo war das, woher stammen die Erfahrungen? Die Antwort hat mindestens die Bedeutung wie die Beschreibung der Flankenform beim Zahnrad.

Es ist nicht so, dass zum fraglichen Thema gar nichts gesagt wird: „Müller & Sohn in A-Dorf“ erfährt man da. Es ist als würde ein Zahnrad stolz im Angebot versichern: „Ich habe Zähne.“ So beruhigend das ist – dem Fachmann reicht das nicht einmal zum Schulterzucken. Er will im Lebenslauf Größe, Branche, Unternehmenstyp, Art der Produkte lesen – dann erst kann er sagen, ob das „Bauteil Mensch“ in die zur Debatte stehende Umgebung passen könnte!

Kurzantwort:

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Konstrukteur. Von Getrieben. Und für Ihre jüngste Kreation brauchten Sie noch ein kraftübertragendes Bauteil. Da rufen Sie dann den Einkauf an und sagen ihm, man solle „irgend so’n Zahnrad“ beschaffen.

Frage-Nr.: 218
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-11-11

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