Heiko Mell

Wissen, wusste, gewusst – oder nachgeschlagen

Antwort:

Ich bin, das sage ich schnell, bevor jemand mich für völlig ungebildet hält, in meiner engeren Familie von drei Menschen mit großem Latinum umgeben. Selbst habe ich diese Sprache nur gut drei Wochen genossen, dann war Schluss. Hängen geblieben ist daraus bei mir ein einziger lateinischer Satz voll inhaltlicher Schlichtheit, den ich Ihnen hier erspare.

Aber ich bin ein misstrauischer Mensch – und mir vieler meiner Schwächen bewusst. Wozu gehört, dass ich zwar die Bedeutung der meisten lateinischen Aussprüche kenne, die man so zitiert hört, sie aber nicht in der Originalsprache sicher beherrsche.

Dieses Misstrauen scheint nicht weit verbreitet zu sein – sollte es aber. Will heißen, wenn Sie nie Latein hatten, dann nennen Sie den „Lebenslauf“ lieber auch so als etwa „Curriculum vitae“, letzteres wäre ein bisschen albern. Und ob Sie „vitae“ nicht besser mit großem v schreiben sollten, wüssten Sie auch nicht.

Nehmen wir einmal an, Sie möchten eine Summe Geldes nennen und deutlich machen, dass der dazu gehörende Zeitraum ein Jahr beträgt. Also etwa: „Die Kosten belaufen sich auf etwa 5.000 EUR pro Jahr.“ Oder: „Ich verdiene etwa 80.000 EUR pro Jahr.“

Nehmen wir es einmal an. Frage dazu: Warum tun Sie es dann nicht einfach – es wäre Ihre Muttersprache („pro“ ist natürlich auch lateinischen Ursprungs, gilt aber als „eingedeutscht“) und jeder würde es verstehen. Das würde auch für das schlichte Wort „jährlich“ gelten.

Aber man will ja Bildung demonstrieren. Und das geht am besten mit Latein, denken Sie. Und dann schreiben Sie „80.000 EUR per annum“. Das ist nicht einmal richtig falsch, war aber schon laut meinem Fremdwörter-Duden von 1990 schlicht „veraltet“.

Ober Sie schreiben „per Jahr“. Das ist denkbar – aber dazu sagt der aktuelle Duden, Sie schreiben besser „pro“ oder „jedes Jahr“.Reizvoll scheint auch „pro annum“ zu sein, das ist aber leider falsch.Sie könnten es abzukürzen versuchen und „p. A.“ schreiben. Das wäre irgendwie einleuchtend, hieße aber leider „per Adresse“ und hat mit dem Jahr nichts zu tun.

Sofern Sie die Abkürzung „p. a.“ wählten, lägen Sie völlig richtig – müssten aber wissen (damit Sie es im Vorstellungsgespräch richtig in Langform aussprechen könnten), dass es „pro anno“ heißt. Wenn Sie es „pro annum“ aussprechen, zuckt der gebildete Zuhörer.

Also, wenn Sie gut beraten sind und auf der sicheren Seite sein wollen, dann schreiben Sie in Ihrem „Lebenslauf“ einfach, Sie hätten soundso viel Gehalt „pro Jahr“.

Vor allem aber scheuen Sie sich nicht, im Zweifelsfall nachzuschlagen. Ohne Duden o. ä. auf dem Schreibtisch kann ich weder einen Brief, noch einen solchen Beitrag schreiben. Im Sinne der neuen Rechtschreibung kann ich das schon einmal gar nicht.

PS. Die Kunst besteht darin zu wissen, was ein Zweifelsfall ist. Auch ich beherrsche sie nicht vollkommen. Nobody is perfect – quod erat demonstrandum, wie der moderne mehrsprachige Bildungsbürger sagt (niemand ist perfekt – was zu beweisen war). Und im Notfall haben Sie einfach eine tolle Performance. Da entschuldigt nichts, erklärt es aber.

Kurzantwort:

Ich bin, das sage ich schnell, bevor jemand mich für völlig ungebildet hält, in meiner engeren Familie von drei Menschen mit großem Latinum umgeben. Selbst habe ich diese Sprache nur gut drei Wochen genossen, dann war Schluss. Hängen geblieben ist daraus bei mir ein einziger lateinischer Satz voll inhaltlicher Schlichtheit, den ich Ihnen hier erspare.

Frage-Nr.: 216
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-10-28

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