Heiko Mell

Ihr Stil bedarf der Eingewöhnung

Der Stil Ihrer Antworten für die Karriereberatung bedarf wahrlich einiger Zeit der Eingewöhnung. Als ich kurz nach Studienbeginn des Maschinenbaus VDI-Jungmitglied wurde, las ich Ihre Kommentare zuerst mit dem Gefühl, das sich hier jemand über die Fehler und Unwissenheiten von anderen amüsiert und versucht, die Leser mit einer schadenfreudigen Kolumne zu unterhalten.

Doch bald merkte ich, dass dies ganz und gar nicht stimmt und die Fragen der Leser durch diese Art der Kritik besonders gut beantwortet werden können. Dies wurde mir auch des Öfteren von berufstätigen Ingenieuren bestätigt. Mittlerweile sammle ich Ihre Karriereberatung.

Antwort:

Diese Entwicklung in der Beurteilung der Serie ist normal im Sinne von üblich. Ich veröffentliche gelegentlich solche Zuschriften, um den ständig neu hinzuwachsenden jungen Lesern zu zeigen: Die Akzeptanz meiner Aussagen steigt mit steigender Lebens- und Berufserfahrung. Dabei geht es ja nicht darum, ob ich nach einem vermeintlich objektiven Maßstab (den es gar nicht gibt) „Recht habe“, sondern die Frage heißt: Gebe ich die Meinung der Praxis zu den angesprochenen Fragen überwiegend zutreffend wieder? Das scheint, so sagen Eingeweihte, meist der Fall zu sein.

Problematisch ist eher folgender Aspekt: Wenn ich die Praxis weitgehend richtig schildere, wenn andererseits Studenten meine von den berufserfahrenen Lesern akzeptierten Aussagen und Schilderungen oft verwunderlich finden (vorsichtig gesagt), dann heißt das doch: Viele Studenten und junge Akademiker sind – noch – meilenweit von den Gegebenheiten und Anforderungen der Praxis weg, sie wissen wenig bis nichts darüber.

Es gibt nur einen Schluss, den sie daraus ziehen dürfen: Wir müssen uns besser informieren, müssen lernen, uns um entsprechendes Wissen aktiv bemühen. Ich darf noch hinzufügen: Das ist ein Prozess, das dauert, das muss erarbeitet werden. Es reicht nicht, heute im fünften Semester zu sein und fröhlich zu sagen: „So, da ist also noch etwas, was ich über die Praxis wissen sollte. Schön, schön, aber das kriegen wir später auch noch hin. Erst die Diplomarbeit, dann das Examen und dann beschäftige ich mich notfalls auch noch damit.“

Diese typisch studentische Denke ist praxisfremd. Im Berufsalltag hat man fast immer fünf, mitunter zehn und mehr einzelne Vorgänge auf dem Tisch, die irgendwie gleichzeitig vorangebracht werden müssen. Während ich beispielsweise einen dieser Beiträge schreibe, kommen leicht sieben oder zehn Telefonate an, sind einige Gutachten abzuliefern, wird das eine oder andere Vorstellungsgespräch geführt, sind diverse Unterschriften zu leisten, steht meine Tür für die Mitarbeiter offen. Es kann nicht schaden, diese Arbeitsweise rechtzeitig zu üben.

Und es gibt Fehler, die macht man schon in den unteren Semestern; am Ende des Studiums ist es für Korrekturen schon zu spät.

Frage-Nr.: 2146
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-08-03

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