Heiko Mell

„Herr Direktor, die Firma brennt“

Antwort:

Also, das Wort ist scheußlich, vermutlich sogar angreifbar. Aber lassen wir das einmal beiseite: „Eigeninitiative“ ist in Gebrauch, steht kritiklos im Duden – und das, worum es dabei geht, ist von äußerster Wichtigkeit.

Erstmals in Berührung gekommen bin ich damit vor vielen Jahren bei einem mit allen Wassern gewaschenen Vorstandsmitglied. Der stellte als Führungsnachwuchs für sein Ressort gern Assistenten für sich sein. Stets mehrere – und dann gab er ihnen nach der ersten Einarbeitungsphase bewusst nichts mehr zu tun. Es gab für die jungen Leute keine Aufträge – und er war sechs Wochen auf Geschäftsreise in Südamerika.

Wenn er dann zurückkam, ließ er sich berichten. Und danach wurden die ersten Assistenten dann gefeuert bzw. „der Personalabteilung zum anderweitigen Einsatz im Unternehmen zur Verfügung gestellt“. Hauptkriterium war, was die „Burschen“ inzwischen so gemacht hatten: „Nichts“ war tödlich. Nur passiv auf zufällig aufgetretene Probleme reagiert zu haben, war ein Grenzfall und wurde nur anerkannt, sofern diese Probleme „abendfüllend“ gewesen waren.

Ein kleines Lob (kein großes, man darf ja nicht gleich übertreiben) gab es für die Assistenten, die sich aktiv Aufgaben gesucht hatten. Für so manchen Arbeitnehmer mag das jenseits der eigenen Vorstellungskraft liegen, aber das Prinzip ist heute Standard!

Gefragt ist, wer selbst die Initiative ergreift, von sich aus Probleme erkennt, aktiv mit deren Aufbereitung und Lösung beginnt! Natürlich gilt es auch hier, die „Kirche im Dorf“ zu lassen und nicht die Kompetenzgrenzen zu übertreten. „Ich habe während Ihrer Abwesenheit den Konzern besser geordnet und in Ihrem Namen die Organisationsänderungen in Kraft gesetzt“ – das hätte jenes Vorstandsmitglied nach Rückkehr auch nicht hören wollen. Aber das hier wäre gewollt gewesen: „Ich weiß ja, wie sehr uns die hohen Entwicklungskosten der Baureihe XY drücken. Also habe ich, Ihr Einverständnis unterstellt, eine erste Detailanalyse erarbeitet und unverbindliche Kontakte mit möglichen Subunternehmern in Ungarn aufgenommen. Eine Aufstellung zur möglichen Kostenersparnis und zu den Risiken liegt vor Ihnen.“

Sofern Sie irgendwelche beruflichen Ambitionen haben, muss das Teil Ihres Handelns sein. Sehen Sie, der typische Arbeitnehmer (auch der akademisch gebildete) stürzt ins Büro der Firmenleitung und keucht: „Herr Direktor, die Firma brennt.“ Dann wartet er auf Weisungen. Der brauchbare Typ hingegen meldet: „Die Firma brennt. Betroffen sind Hallen 5 und 7. Explosionsgefahr im angrenzenden Farblager. Ich habe die Feuerwehr-Notrufzentrale alarmiert, um Vorwarnung bei den umliegenden Krankenhäusern gebeten und den Werkschutz in Ihrem Namen angewiesen, Bürotrakt A vorsorglich zu evakuieren.“

Das kann der nicht im geringsten zuständige Nachwuchsmann aus dem Controlling sein, der im richtigen Moment die Initiative ergriffen hat. „Gut, der Mann“, wird man höheren Orts sagen. Ach ja: Durfte der das denn? Antwort: Wenn Sie so fragen, kommen Sie nie nach oben.

Generell gilt die Empfehlung: Legen Sie Ihrem Vorgesetzten keine Probleme auf den Tisch („die Firma brennt“). Denn dann muss der selbst nachdenken, Entscheidungen treffen – und dafür die volle Verantwortung übernehmen. Präsentieren Sie hingegen einen(!) konkreten Lösungsvorschlag, hinter dem Sie stehen. Sagen Sie also z. B.: „Ich schlage vor, die Feuerwehr zu rufen.“ Sie können Alternativen erwähnen, aber der Vorgesetzte muss pauschal sagen können: „Gut, einverstanden, machen Sie das.“ Sagen Sie also nicht: „Sie können die Feuerwehr anrufen oder erst den Vorstand informieren oder die Evakuierung anordnen.“ Dann muss er ja wieder nachdenken, entscheiden, Verantwortung übernehmen.

Kurzantwort:

Also, das Wort ist scheußlich, vermutlich sogar angreifbar. Aber lassen wir das einmal beiseite: „Eigeninitiative“ ist in Gebrauch, steht kritiklos im Duden – und das, worum es dabei geht, ist von äußerster Wichtigkeit.

Frage-Nr.: 213
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-23

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