Heiko Mell

Heißt das, ich muss meinem Chef in den … kriechen?

Antwort:

Ich halte viel vom Vergleich des Arbeitsmarktes mit anderen Märkten sowie – in Fortführung des Gedankens – vom Hinweis auf die starke Stellung des Käufers, dem aus der Sicht des Angestellten der Vorgesetzte entspricht. Und ich kolportiere Aussagen wie: Ein guter Mitarbeiter ist jemand, den sein Chef dafür hält.

Je älter und berufserfahrener meine Leser oder Zuhörer sind, desto eher leuchtet ihnen das ein. Es gilt aber auch der Umkehrschluss: Relativ unerfahrene Berufseinsteiger oder Studenten der Abgangssemester versuchen oft, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Dann fragen sie gern: „Das heißt dann aber doch, ich muss meinem Chef in den Hintern kriechen.“ Wenn ich Pech habe, formulieren sie das noch eine Stufe drastischer. In jedem Fall wird deutlich, was sie von solch einem System halten – ersatzweise von jemandem, der als Interpret desselben auftritt.

Vielleicht ist es gut, dass junge Menschen derart ihrem Hang zur klaren Aussage in vereinfachender Form Raum geben. Zeigen sie doch mir, wo noch Erklärungsbedarf besteht. Also befriedige ich den, was ich ohnehin gern tue, hier aber ganz besonders.

Also die schon in der Überschrift formulierte Vermutung ist absolut falsch! Dieses Kriechen ist unter keinen Umständen etwa pauschal empfehlenswert. Es geht darum, vom Chef für einen guten Mitarbeiter gehalten zu werden. Nach seinen Maßstäben und Vorstellungen. Und ein moderner, guter Vorgesetzte will nicht nur keine Kriecher, er verabscheut sie sogar.

Insbesondere im fachlichen Bereich will er hochqualifizierte Mitarbeiter, die eine eigene Meinung haben, zu der sie stehen – und die auch in der Diskussion ihren Standpunkt vertreten. Er will sich darauf verlassen können, dass ihre Aussagen zu Sachfragen ernstzunehmende Argumente sind – und dass er abweichende Meinungen, so die denn möglich erscheinen, schon von „seinen Leuten“ hört und nicht erst später von seinem Vorgesetzten.

Der Chef duldet also nicht nur eine andere Meinung in fachlichen Dingen, er fordert oft sogar zu entsprechenden Darstellungen auf – und ist häufig sehr unzufrieden mit einem Mitarbeiter, der nie eine eigene Meinung vertritt und stets nur wartet, bis ein „höherer Dienstgrad“ etwas gesagt hat, dem er dann begeistert zustimmen kann.Aber sehen Sie bitte die Unterschiede:

Situation A: Abteilungsleiter Müller im Gespräch mit „seinen Leuten“. Müller legt ein komplexes Problem auf den Tisch und entwickelt einen Lösungsansatz. Sachbearbeiter Schulze meldet sich zu Wort: „Ich sehe, wo Sie mit der Lösung ansetzen. Ich bin überzeugt, dass wir damit zum Ziel kämen. Ich möchte jedoch noch eine andere Variante in die Diskussion einbringen. Sie könnte uns entscheidende Zeit- und Kostenvorteile bringen.“ Und dann erläutert er. Müller wird das im Interesse der Sache sehr schätzen!

Situation B: Abteilungsleiter Müller mit „seinen Leuten“ in einer Besprechung bei Hauptabteilungsleiter Lehmann. Müller trägt das Problem vor und entwickelt einen Lösungsabsatz. Lehmann äußert Bedenken, ist offensichtlich ganz anderer Meinung. Sachbearbeiter Schulze springt ihm bei: „Ich finde die von Herrn Müller skizzierte Vorgehensweise nicht zielführend und halte folgenden Ansatz für effizienter.“ Und dann erläutert er geschickt eine Variante, die Hauptabteilungsleiter Lehmann vermutlich gefällt. Er hat die Chance zur Profilierung „höheren Orts“ genutzt.

Nur: Lehmann freut sich zwar, dass er jetzt „Munition“ hat gegen den ungeliebten Müller-Vorschlag. Aber er wäre nicht Hauptabteilungsleiter geworden, würde er „Kriecher“ nicht im Ansatz erkennen. Er vermerkt im Kopf, Sachbearbeiter Schulze niemals zu seinem engen Mitarbeiter zu befördern (z. B. zum Abteilungsleiter). Eines Tages säße er sonst beim Vorstand und Schulze säße dabei. Und dann kröche er dem höchsten Chef …. Undenkbar, so etwas. Aber Abteilungsleiter Müller, so erkennt er, redet nicht nur „Blech“, der hat auch seine Leute nicht im Griff. Fällt ihm doch dieser Schulze vor den Augen seines Vorgesetzten in den Rücken. Schwach, der Mann. Und Abteilungsleiter Müller knirscht unhörbar mit den Zähnen: „Der Schulze muss einen aufs Haupt bekommen – und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“

Konkret: Ein Mitarbeiter soll/muss seinen Chef erheitern. Ob dazu gehört, ihm in den Hintern zu kriechen, ist eher unwahrscheinlich. So einfach ist es nun auch wieder nicht, sich das Prädikat „guter Mitarbeiter“ zu verdienen.

Kurzantwort:

Ich halte viel vom Vergleich des Arbeitsmarktes mit anderen Märkten sowie – in Fortführung des Gedankens – vom Hinweis auf die starke Stellung des Käufers, dem aus der Sicht des Angestellten der Vorgesetzte entspricht. Und ich kolportiere Aussagen wie: Ein guter Mitarbeiter ist jemand, den sein Chef dafür hält.

Frage-Nr.: 212
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-16

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