Heiko Mell

Das Studium und die Persönlichkeitsformung

Antwort:

Am Ende des Studiums ist der Student fertig. Die Frage ist nur, womit. Es gibt keinen Zweifel, dass er große Teile des Studienstoffes beherrscht, denn es gibt kaum Klagen darüber aus der Praxis (und wenn es in diesem Bereich Kritik gibt, dann wird sie offenbar im Stillen erhoben).

Die Unternehmen erwarten aber nach dreizehn Jahren Schule und sechs Jahren Studium (sowie einem Jahr „Sonstiges“ irgendwo zwischen Bundeswehr und Weltreise) auch eine gewisse Persönlichkeit von den jungen Akademikern. Das geht überhaupt nicht in Richtung „fertig entwickelter Mensch mit Managerqualifikation“, niemand erwartet vom Anfänger, schon jetzt eine Art „Bonsai-Vorstand“ zu sein.

Jetzt wird meine Aufgabe schwierig; was nämlich erwartet wird, ist nicht so einfach zu definieren. Jedenfalls gegenüber Laien und Betroffenen, während Fachleute mit Sicherheit genau wissen, was gemeint ist: Wir suchen die noch jugendliche, aber doch schon erkennbar gestaltete und geformte Persönlichkeit. Einen jungen Menschen, der aufgeregt sein, ruhig ein wenig ungestüm wirken, Fehler machen oder gemacht haben kann – aber das Gefühl hinterlässt, irgendetwas habe er, bringe er mit. Da sei etwas, so will man spüren, aus dem etwas werden könne – oder doch zumindest eine gewisse persönliche Reife. Das gilt weniger, wenn eine reine Sachaufgabe beim kleinen Unternehmen in der Provinz ansteht, aber immer, wenn Trainee-, Assistenz- oder ähnliche Führungsnachwuchspositionen zu besetzen sind.

Da Sie nun Hilfestellung auch in dieser Frage von mir erwarten, ich aber das gesuchte Profil nicht einmal aussagefähig beschreiben kann, hier zumindest Beobachtungen, die ich in dem Zusammenhang machen konnte:

1. Promovierte Einsteiger sind in positivem Sinne „weiter“, die ständige Zusammenarbeit mit dem und Formung durch den Professor, die Arbeit am Institut o. ä. scheinen förderlich zu sein.

2. Viele(!) Praktika, Auslandsaufenthalte (Studium oder Praktikum) sind hilfreich.

3. Neben dem Studium ausgeübte Funktionen mit übernommener Verantwortung führen fast stets in die angestrebte Richtung (z. B. ein Jahr ehrenamtliche Zuständigkeit für …, wobei das Amt ruhig „stressig“ sein darf, aber auch Aufbau eines Geschäfts für die Vermarktung von irgend etwas).

Wobei offenbar diese Punkte in Kombination besonders stark und erkennbar weiterhelfen. Ich glaube absolut nicht, dass Aktivitäten wie diese aus „blassen“ Bewerbern garantiert Siegertypen machen. Aber diese Aktivitäten holen viel von dem heraus, das an Talentreserven vorhanden ist. Nur darum geht es – Ausnutzung der Ressourcen.

Und zum Schluss ein typisches Beispiel: Die Kandidatin hatte trotz guter Noten nach dem Examen noch keinen Job und absolvierte jetzt ein Praktikum. Als Einstiegsforderung für ein Traineeprogramm bei einem Mittelständler in der Provinz nannte sie 45.000 EUR. Auf mein Stirnrunzeln hin meinte sie, damit orientiere sie sich an den Einstellgehältern eines ihr bekannten Konzerns. Was dann kommt, ist klassisch:

Ich: „Warum gehen Sie denn nicht dort hin?“ Sie: „Die stellen niemanden ein.“ Ich: „Sie sind also lieber arbeitslos zu 45.000 EUR als einen guten Job mit Vermittlung von wertvollen Kenntnissen zu 38.000 EUR zu haben?“ Sie schweigt, ist irritiert. Ich schweige aus Höflichkeit auch, finde die Argumentation aber dämlich: 20 Jahre Bildung und Charakterformung und so wenig Resultat. Das ist nicht die Persönlichkeit, die wir suchen. Und falls es bloß naiv war, wäre es keinen Deut besser.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 210
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-02

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