Heiko Mell

Ich leide, weil ich es will

Antwort:

Also ich leide eigentlich gar nicht, zumindest nicht unter dem hier angesprochenen Phänomen. Oder doch?

Wenn ich es recht bedenke, muss ich ziemlich viel schreiben. Allein 8000 Blatt Papier in zwanzig Jahren waren es für die Serie. Und dann noch Gutachten, Vortragskonzepte, Berichte über Vorstellungsgespräche, Korrespondenz. Es ist schon schlimm mit der Schreiberei bei mir. Immer wieder ein weißes Blatt Papier, das mit brillanten Gedanken gefüllt werden möchte oder eine leere Kassette im Diktiergerät, die der gesprochenen Worte harrt. Man könnte, etwa am Stammtisch oder sonst unter Freunden, direkt ein wenig verzweifeln.

Genau genommen, habe ich es in der Beziehung wirklich nicht leicht. Und es gilt auch: Ein Schwächerer wäre längst unter der Last zusammengebrochen, hätte schon vor Jahren vor der Herausforderung kapituliert. Das musste jetzt einmal gesagt werden.

Natürlich passt das Beispiel nicht auf Sie und Ihre Kollegen. Dort geht es um ganz andere Dinge. Beispielsweise um die elend häufigen Dienstreisen, die ständigen Meetings um alles und nichts (als die noch „Besprechung“ hießen, ertrugen die Leute sie besser). Oder diese entsetzlichen Handy-Anrufe, wo man geht und steht. Oder Überstunden noch und nöcher, kaum zum Aushalten. Und dann noch die nur allernotwendigste Weiterbildung, die Ehrenämter. Und der Sport – man muss ja. Um etwas zu tun, um dabei zu sein, wegen der Gesundheit. Die ja so bedroht ist durch die Belastungen. Nehmen wir nur die Dienstreisen, die Meetings – na das hatten wir schon.

Kennen Sie das, von anderen und von sich selbst? Und haben Sie sich schon die Kernfrage gestellt (mit leicht zum Himmel erhobenen Händen): Warum, warum gerade ich?

Nun, ich weiß inzwischen die Antwort: Weil Sie und ich das wollen, weil wir da ohne gar nicht leben könnten, weil wir uns – bewusst oder unbewusst – darum reißen. Zwar dann auch wieder darüber stöhnen, aber dennoch nicht darauf verzichten könnten. Unter gar keinen Umständen.

Es stimmt schon: Ständig muss ich etwas schreiben. Aber ich schreibe gern, es ist ein Teil meines Lebens. Und wenn mich jemand bittet, mache ich es – meist – irgendwie möglich. Weil es mir Spaß macht. Und das bringt dann wieder andere auf den Plan, die mich dazu verleiten, irgendetwas anderes zu schreiben. Ich allein trage daran die „Schuld“.

Und wenn es bei Ihrem Kollegen die ach so vielen Dienstreisen sind – dann reist der gern. Und der mit den entsetzlich vielen Handy-Anrufen würde buchstäblich eingehen, riefe ihn einmal über mehrere Stunden niemand an.Wir merken das zunächst nicht. Aber eine sorgfältige Analyse beruflichen Verhaltens erwachsener Menschen hat mir die Erkenntnis gebracht: Wir ziehen uns selbst „an Land“, worüber wir uns hinterher so gern beklagen. Letzteres tun wir dann auf dem berühmten hohen Niveau – und wären doch todunglücklich, nähme man uns genau diese zentrale Belastung.

Und da ich am Anfang von mir sprach, kann ich auch damit aufhören: Viele Reisen über lange Strecken, acht Stunden Fahrt für eine Stunde Gespräch, sind mir ein Gräuel, auch wegen des ungesunden Verhältnisses von Aufwand zu Ergebnis. Also reise ich eher selten weit. Aber gerade kommt wieder eine neue Anfrage herein, ob ich nicht einen Artikel schreiben … Schlimm ist das, ganz schlimm. Immer ich, warum ich?

Kurzantwort:

Also ich leide eigentlich gar nicht, zumindest nicht unter dem hier angesprochenen Phänomen. Oder doch?

Frage-Nr.: 205
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-07-22

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