Heiko Mell

Ich bin 20 und Sie sind arrogant

Von Ihrem Artikel „Wanderer, triffst du Studenten“ habe ich mich als Student (20), der gerade sein 2. Semester begonnen hat, gleich mal angesprochen gefühlt. Mein Vater, der nach eigener Aussage die VDI nachrichten nur wegen der Karriereberatung abonniert hat, fordert mich immer und immer wieder auf, die Karriereberatung zu lesen.

Ich mache das gelegentlich auch, aber nur ungern. Die Themen sind zwar tatsächlich oftmals interessant; was mich aber furchtbar stört, ist Ihre Art und Weise, wie Sie zu den Leserzuschriften Stellung nehmen. Das geschieht oft mit einiger Arroganz und Rechthaberei. Auch in dem oben genannten Artikel trat dies hervor. Immer lese ich zwischen den Zeilen: „Wer so handelt, wie ich es rate, wird der größte, beste, reichste; wer aber auch nur irgendwie anders handelt, der kann auf keinen Fall seine Ziele erreichen und wird scheitern.“

Sie sind offenbar so sehr von sich überzeugt, dass Sie nicht in der Lage sind, anderen Menschen Recht zu geben; mir ist da noch was mit Olympiade oder olympischen Spielen in Erinnerung …

Nun ja, mag ja sein, dass Ihre Art und Weise ein gutes Abbild davon gibt, wie es in der Realität zugeht, mag ja sein, dass Ihre Rat­schläge alle gut und sinnvoll sind (ich hatte noch keine Gelegenheit, das selbst zu testen), so lese ich Ihre Artikel trotzdem nicht freiwillig, da können Sie noch so von sich selbst überzeugt sein. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass ich nicht der Einzige bin, der so denkt.

Antwort:

Ich freue mich sehr über Ihre Zuschrift. Vor allem gefällt mir diese – im späteren Alter meist verlorengehende – Mischung von Aufrichtigkeit, Angriffslust, jugendlichem Trotz und dennoch erkennbar bleibendem Interesse am Thema. Denn, geehrter Einsender, Sie ahnen es natürlich schon: Irgendwie ist da etwas dran an dem, was ich über die Regeln des beruflichen Systems sage – und mit Trotz allein („… lese ich Ihre Artikel trotzdem nicht freiwillig“) richten Sie auch nichts dagegen aus. Sie stecken höchstens den Kopf in den Sand, aber an der Realität „da draußen“ ändert sich nichts.

Ich finde es sehr anerkennenswert, dass Sie bei Ihren kritischen Worten das Beispiel Ihres Vaters erwähnen, der ja die Zeitung „nur wegen der Karriereberatung“ liest. Er ist, das werden Sie eingestehen, lebenserfahrener als Sie und Ihre Altersgruppe – und gesteht mir Realitätsnähe zu. Vergessen Sie nicht: Diese Serie läuft seit 22 Jahren ununterbrochen; gäbe es handfeste Argumente etwa in Richtung „das stimmt alles nicht, was der da sagt, so denkt und arbeitet das berufliche System gar nicht“, wären diese längst massiv vorgebracht worden und hätten sechs Wochen nach Serienstart zu einem frühen Ende geführt.

Es gibt also „Verdachtsmomente“, die dafür sprechen, dass ich überwiegend richtig liege mit dem Inhalt meiner Aussagen. Und nun formuliere ich eine Ihrer Kernaussagen nur ein bisschen „gefälliger klingend“ um, ohne die Substanz zu verändern. Sie sagen also etwa, ich würde behaupten:

„Wer so handelt, wie ich es rate, der wird Erfolg im Beruf haben; wer diese Ratschläge missachtet und entgegen den von mir formulierten Regeln handelt, riskiert Misserfolge.“

Ja, das würde ich so unterschreiben! Aber müsste beispielsweise ein erfahrener Golftrainer in seinem vertrauten Metier nicht ebenso vorgehen? Er müsste! Und auch er hätte die Regeln nicht gemacht, er würde sie – wie ich hier – nur erläutern.

Lesen Sie einmal mit dem zeitlichen Abstand, den Sie jetzt dazu haben, den letzten Absatz Ihrer Zuschrift. Und dann überlegen Sie, wie man das kommentieren könnte, wenn man es denn wollte. Sie sind jung, da sagt man schnell einmal etwas. Später wägt man sorgfältiger ab, was man so von sich gibt. Und noch später muss man selbst dann nicht alles sagen, wenn es noch viel zu sagen gäbe.

Übrigens: Sie tun nicht mir etwas an, wenn Sie meine Ratschläge ignorieren, sondern sich selbst! Was ich Ihnen hier anbiete, ist eine kostenlose Hilfestellung, damit Sie in einem Kampf überleben können, der Ihnen bevorsteht. Und vergessen Sie nicht: Ich zwinge Sie ja nicht, das zu lesen, es ist Ihr Vater: Hadern Sie also mit dem, wenn Sie unbedingt aufbegehren müssen.

Es ist man bloß so: In etwa fünfzehn Jahren würden Sie mit höchster Sicherheit einen Brief an diese Serie schreiben des Inhalts: „Damals habe ich das abgelehnt oder nicht lesen wollen oder nicht geglaubt. Heute weiß ich, dass Sie völlig Recht hatten.“ Sehen Sie, solche Briefe bekomme ich seit vielen Jahren, deshalb hatte ich „Wanderer, triffst du Studenten“ geschrieben. Aber keine Angst, ich werde in fünfzehn Jahren hier nicht mehr arbeiten, diese Zumutung droht Ihnen nicht.

Kommen wir zu meinem Stil. Sie dürfen den auch arrogant finden, das ist Ihr Recht. Und vielleicht haben Sie ja hier sogar ein solches. Mit diesen Vorwürfen muss ich leben. Stellen Sie es sich nicht so einfach vor, anspruchsvolle, erfahrene Leser (wie Ihren Vater) über so viele Jahre immer wieder zu fesseln und sie am Thema interessiert zu halten. Wenn ich das schaffe und Sie mir Arroganz vorwerfen, bin ich insgesamt dennoch stolz. Hätte man die Serie nach drei Jahren mit dem Vorwurf „langweilig“ abgesetzt, hätte ich mich geschämt. Übrigens haben alle Einsender gewusst, was sie an Kommentar erwartet – und schreiben mir dennoch. Sogar Sie. Gut, dass ich kein Psychologe bin …

Bliebe meine „Rechthaberei“. Und nun werde ich deutlich: Ich bin nicht rechthaberisch, ich habe in meinem Fachgebiet einfach überwiegend Recht (das klingt nur in den Augen von Amateuren so gewagt – jeder Profi denkt so). Lesen Sie einmal die eingegangenen Leserbriefe (wir drucken fast alle kritischen ab) daraufhin, wie selten mir vorgehalten oder gar bewiesen wird, ich läge überwiegend falsch mit meinen Aussagen. Ich interpretiere ja nur ein System, das ich so vorgefunden und nicht etwa geschaffen habe. Es geht um klare Sachaussagen, nur sehr selten um meine Meinung.

Natürlich mache ich Fehler wie jeder andere Mensch auch. Darum geht es nicht. Aber nehmen wir einmal Ihr Zitat mit der Olympiade. Der Fall lag – aus dem Gedächtnis zitiert – damals so: Ich hatte „Olympiade“ gebraucht für die Olympischen Spiele. Dann schrieb mir jemand, das sei falsch, Olympiade bezeichne allein die vier Jahre zwischen zwei Spielen. Ich weiß auch, dass dies die ursprüngliche Bedeutung des Wortes war. Aber ich konnte aus dem Duden zitieren: „Olympiade, die … (Olympische Spiele; selten für Zeitraum von vier Jahren zwischen zwei Olympischen Spielen …).“ Das habe ich dem Kritiker geschrieben, damit war bewiesen, dass ich Recht gehabt hatte. Was hätte ich denn tun sollen? Ihn anlügen und mich für einen gar nicht vorhandenen Fehler entschuldigen?

Wissen Sie, was ich glaube? So langsam reift auch in Ihnen die Erkenntnis, dass Sie eine für Sie vermutlich vorteilhafte Information nicht deshalb ignorieren sollten, weil Sie den Überbringer für arrogant halten. Sie schaden sich damit mehr als mir. Ich finde, Ihr Brief war eigentlich ein gutes Zeichen aufkeimenden Interesses. Bitte grüßen Sie auch Ihren Vater. Ich habe sogar zwei Söhne, die beide einmal 20 waren. Man überlebt das. Aber man altert dabei.

Ihnen empfehle ich, meine Beiträge tatsächlich zu lesen. Und sich weiterhin ruhig zu ärgern. Aber Sie lernen doch recht viel Nützliches – das Sie garantiert eines Tages brauchen werden und das Sie dann nur abrufen müssen aus Ihrem Gedächtnis. Schreiben Sie mir ruhig (in Abständen), wie fürchterlich Sie meine Beiträge finden. Ich ertrage das – aber bleiben Sie dran, in Ihrem ureigenen Interesse. Eines Tages werden Sie diese Serie dann vielleicht sogar Ihren Kommilitonen empfehlen – Sie wissen ja: „Wanderer, triffst du Studenten …“

Frage-Nr.: 2017
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-05-12

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