Heiko Mell

Alles was Spaß macht, ist verboten

Antwort:

Man soll, so man am Leben hängt, bestimmt nicht im Winter von einer Brücke in den eiskalten Rhein springen. Diese „Erkenntnis“ wird niemanden so recht „vom Stuhle hauen“ – und ebenso wird niemand eine Regel für erfolgreiches Leben daraus ableiten. Warum eigentlich nicht? Die Antwort ist klar: Was die Leute ohnehin tun – oder eben auch nicht tun -, braucht man nicht in Regeln zu gießen, diese würden sich ja wie Selbstverständlichkeiten lesen und per Schulterzucken abgetan werden.

Daraus folgt: Regeln ernstzunehmender Art geben Handlungsempfehlungen, die dem eigenen Instinkt zuwiderlaufen. Damit sind sie „automatisch“ unbequem. Oder es gilt, was der Volksmund schon wusste: Was Spaß macht, darf man nicht. Das trifft natürlich auch zu für die Spielregeln in unserem Kerngebiet (Bewerbung, Beruf, Karriere).

Vielleicht klingt das immer noch nicht besonders sensationell – ist aber, so man es akzeptiert und verinnerlicht, eine äußerst wertvolle Richtschnur: Regeln müssen unbequem sein – per Definition!

Natürlich mag der Mensch solche Regeln nicht befolgen, das darf nicht überraschen. Aber ohne die eben gegebene Erläuterung zu kennen, verbraucht er zu viel Zeit und Energie um herauszufinden, dass er ausgerechnet die ihn tangierende Regel nicht mag und selbstverständlich auch möglichst zu missachten gedenkt. Ich will diesem Menschen helfen und sage ihm daher: Wundere dich nicht unnötig und vergeude keine Energie mit der Suche nach Auswegen und trickreichen Umgehungen. Wenn du bereit bist, Regeln zu befolgen, um das Spiel gewinnen zu können, rechne von Anfang an mit dem Zwang, Bevorzugtes nicht zu dürfen, viel Angenehmes nicht zu sollen, aber Ungeliebtes tun zu müssen. Das ist so, weil es gar nicht anders sein kann.Sie wollen Erfolg im Beruf und informieren sich vorab über den Weg dorthin? Dann wappnen Sie sich von Anfang an gegen unliebsame Überraschungen: Sie wohnen in Wiesweiler-West und mögen da auch keinesfalls weg? Sie wollen nach oben, aber dabei primär oder gar nur Interessantes tun? Die allein schon dabei tangierten Regeln lauten beispielsweise:

– Für den akademisch gebildeten Karriereinteressierten ist eine erfolgreiche Laufbahn ohne räumliche Flexibilität grundsätzlich nicht möglich.

– Sie tun entweder etwas Interessantes oder Sie werden etwas Interessantes. (Man fragt den Vorstandsvorsitzenden eines Konzerns nicht, ob es reizvolle Aufgaben sind, die er da so täglich löst. Der Mann ist etwas Reizvolles, das muss reichen.)

Also verschwenden Sie Ihre Energie gar nicht erst bei dem Versuch, das Top-Management vom Wohnsitz Wiesweiler-West aus und auf dem Weg über ausschließlich faszinierende Aufgaben von höchstem fachlichen Anspruch zu erreichen. Sie wissen doch: Alles, was Spaß macht, ist irgendwie verboten. Und alles, was Sie auf dem Weg zum Ziel letztlich tun müssen, ist oft recht unbequem. Das ist bei Regeln nun einmal so. Auch beim Monopoly dürfen Sie nicht „einfach so“ die Schlossallee besetzen. Sondern müssen bei Spielbeginn fragen, was Ihnen denn nun erlaubt ist und was nicht. Und alles, was Ihnen Freude gemacht hätte, fällt eher unter „nicht“.

Kurzantwort:

Man soll, so man am Leben hängt, bestimmt nicht im Winter von einer Brücke in den eiskalten Rhein springen. Diese „Erkenntnis“ wird niemanden so recht „vom Stuhle hauen“ – und ebenso wird niemand eine Regel für erfolgreiches Leben daraus ableiten. Warum eigentlich nicht? Die Antwort ist klar: Was die Leute ohnehin tun – oder eben auch nicht tun -, braucht man nicht in Regeln zu gießen, diese würden sich ja wie Selbstverständlichkeiten lesen und per Schulterzucken abgetan werden.

Frage-Nr.: 196
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-04-08

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