Heiko Mell

Wenn Deutsch Ihre Muttersprache ist

Antwort:

Immer wenn ich gezwungen bin, wieder einmal größere Stapel von Bewerbungen durchzulesen, packt mich stilles Entsetzen. Eines, von dem ich weiß, dass andere Fachleute es teilen. Dazu gehören auch Professoren, die Klausuren und Diplomarbeiten lesen. Ob Lehrer an allgemeinbildenden Schulen, die solche Kenntnisse im Umgang mit der Sprache eigentlich vermitteln sollten, auch zum Kreis der Entsetzten gehören, weiß ich nicht, sie schreiben mir zu selten.

Dabei gehe ich fast ausschließlich mit Akademikern um. Deren Fähigkeiten im Umgang mit ihrer Muttersprache sind, gelinde gesagt, überwiegend höchst unzureichend. Ich nutze meine Chance, hier öffentlich auf diesen Missstand hinzuweisen, unter Nutzung einer selten günstigen Konstellation: Ich kritisiere nicht von oben herunter, sondern von unten herauf; meine eigene Formalbildung liegt – aus welchen Gründen auch immer – praktisch deutlich unterhalb des Durchschnitts aller Leser. Jeder von ihnen müsste eigentlich mehr wissen und können als ich, zumindest auf diesem Gebiet.

Zunächst meine – selbstverständlich hier nur pauschal wiederzugebenden – Beobachtungen:

– Mit der Qualität des Studienabschlusses steigt das Niveau der Deutschkenntnisse (und/oder der Aufmerksamkeit und Sorgfalt, die man diesem Aspekt beimisst); promovierte Akademiker geben nur selten zu massiver Kritik Anlass; es gilt der Umkehrschluss.

– Es geht nicht nur um simple Rechtschreibung einzelner Wörter, die ist schlimm genug. Es geht um Wörter, die im Satz ganz einfach fehlen, um Formulierungen ohne Sinn, um Sätze, bei denen der Schluss nicht zum Anfang gehört, um Darstellungen, die ohne jede Logik aufgebaut sind, um Aussagen, deren Sinn unverständlich bleibt.

– Und es geht um schlichte Sorgfalt im Detail (Grundschule, etwa 2. Klasse): Bei jeder mir zur Prüfung vorgelegten Bewerbung kontrolliere ich routinemäßig den Namen, die Firmenbezeichnung, die Adresse des Empfängers. Dabei werde ich oft „fündig“ (was allein alles aus den drei Buchstaben MMC meiner Firma gemacht wird, könnte amüsant sein, wäre es nicht traurig). Die Aufgabe lautet: Wie schreibe ich drei Zeilen richtig aus der Zeitung ab?

Da ich nicht gut laienhaften Deutschunterricht in der Zeitung geben kann, beschränke ich mich auf Tipps, mit denen Sie Ihr (es ist, so es existiert, Ihr ureigenes!) Problem in den Griff bekommen können:

1. Schreiben Sie einmal einen Begleitbrief zu einer Bewerbung als Übung, benutzen Sie eine konkrete Stellenanzeige als Basis. Dann legen Sie Ihr mit durchschnittlichem Aufwand erstelltes Werk einem Fachmann vor (vielleicht lebt Ihre alte Deutschlehrerin noch) und lassen jeden Fehler rot anzeichnen. Danach kennen Sie den Umfang Ihres Problems (wenn dieser Prüfer den Sinn Ihrer Worte nicht versteht, dann versteht ihn der Bewerbungsempfänger auch nicht).

 

2. Niemals(!) genügt es, den Entwurf am Bildschirm zu überprüfen. Das klappt sehr viel besser am ausgedruckten Exemplar.

 

3. Es ist nur ein Gerücht, dass es eine 7,5 cm-Kommaregel gibt.

 

4. Kein durchschnittlich begabter Mensch kann einen Brief richtig schreiben ohne einen Duden in Griffweite, den man im Zweifelsfall zu Rate zieht. Dieses Buch erläutert auch in Kurzform die Bedeutung wichtiger Fremdwörter (und Sie erfahren, dass „p. a.“ bei der Gehaltsangabe „pro anno“ bedeutet, „p. A.“ jedoch „per Adresse“).

 

5. Verlassen Sie sich nicht auf die Rechtschreibprüfung Ihres Computers. Die kann nicht wissen, ob es „ihre“ oder „Ihre“ heißen muss. Und Sie lernen dabei praktisch nichts.

 

6. Lesen Sie sich den fertigen Brief laut(!) und langsam vor. Dabei erkennen Sie eine ganze Reihe der oben erwähnten Fehler. Lesen Sie überhaupt sehr viel!

 

PS. Vielleicht hilft es, wenn wir unsere Schulen umtaufen in „Bundesagentur für Wissen“?

Kurzantwort:

Immer wenn ich gezwungen bin, wieder einmal größere Stapel von Bewerbungen durchzulesen, packt mich stilles Entsetzen. Eines, von dem ich weiß, dass andere Fachleute es teilen. Dazu gehören auch Professoren, die Klausuren und Diplomarbeiten lesen. Ob Lehrer an allgemeinbildenden Schulen, die solche Kenntnisse im Umgang mit der Sprache eigentlich vermitteln sollten, auch zum Kreis der Entsetzten gehören, weiß ich nicht, sie schreiben mir zu selten.

Frage-Nr.: 192
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-02-20

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