Heiko Mell

Armes Deutschland, schweres Sprache

Eine „Frage“ ist dies nur der Form nach, da ich (d. Autor) hier einige der plötzlich zahlreich hereinkommenden Einsendungen zum Umgang mit der deutschen Sprache zusammenfasse. Wie es in der Natur der Sache liegt, streuen die Aussagen der Schreiber sehr stark – zur Empfehlung an mich, dies oder jenes zu tun, findet sich mit gleichem Posteingangsstempel die Aufforderung, Gegenteiliges zu unternehmen.
Von „lassen Sie doch die Finger davon“ bis „machen Sie unbedingt so weiter“ ist alles dabei.

Antwort:

Leser weisen darauf hin, wie schlecht es in der täglichen betrieblichen Praxis um die Rechtschreibung stünde, wie wohl die FAZ daran getan hätte, von Anfang an die Rechtschreibreform zu ignorieren und überhaupt sei die Hauptsache, man könne Englisch.

Würden wir jede dieser speziellen Einsendungen abdrucken und kommentieren, wäre unser reservierter Raum auf Wochen oder Monate gefüllt.

Fest steht: Es ist ein „Thema“, unsere Leser beschäftigen sich damit, haben nicht die geringste Angst davor, diesem ewig nörgelnden Autor auch längere Briefe zu schreiben. Sie nehmen das Problem erstens zur Kenntnis und zweitens zunehmend ernst. Ich bin stolz darauf, daran mitgewirkt zu haben.

Zumindest einem Einsender will ich in einem Punkt widersprechen: Nein, ich benehme mich nicht wie ein „pedantischer Beamter“, nur weil ich „selbstständig“ statt „selbständig“ schreibe. Ich nutze aber die Gelegenheit, meine Haltung zum Thema klarzustellen (Stammleser kennen das – aber ich ersehe aus vielen Zuschriften, dass es entweder viele neue oder sehr viele spontane oder sporadische Leser gibt):

  •  Ich bin absolut kein Sprachexperte, habe keinerlei spezielle Ausbildung, bin auf diesem Gebiet eher unter- als überdurchschnittlich ausgebildet. Ich finde, dass mein Engagement auf dieser Basis zumindest mutig ist. Ich riskiere um der Sache willen das Auffallen mit eigenen Fehlern. Aber ich stelle mich auch niemals als Maßstab hin – eine Kritik von mir wäre auch dann noch nicht falsch, wenn ich „Krittick“ schriebe. Und noch etwas: Ich weiß durchaus, dass ich in dieser Serie ein leichteres Leben hätte, würde ich auf meinen „Kreuzzug“ in Sachen Muttersprache verzichten. Aber ich kann nicht anders.
  •  Dies ist eine Karriereberatung. Immer wieder weise ich darauf hin, dass – pauschal gesagt – schriftliche Aussagen um so korrekter in Sachen Rechtschreibung und(!) sprachlicher Klarheit sowie Logik und Verständlichkeit sind, je ranghöher der Absender ist. Bitte überlegen Sie, ob das nicht doch etwas bedeuten könnte. Daraus folgt übrigens auch, dass „diese Leute“ vermutlich bis gewiss strenge Maßstäbe an das Geschreibsel anderer Menschen anlegen.

Konkret: Schreiben Sie an den „Forstant der XY AG“ – und Sie können Ihr Anliegen vergessen.

  •  Ich habe die Rechtschreibreform nicht gemacht, bin auch nicht gefragt worden. Damit kein Zweifel bleibt: Ich finde sie überwiegend völlig überflüssig, absolut kontraproduktiv und in vielen Details schrecklich albern.

Aber: Wir brauchen einen Maßstab in diesen Dingen. Irgendeinen Standard; eine Norm, an der man ein Vorgehen als richtig oder falsch einstufen kann (zumindest in den meisten Fällen). Und diese Norm muss überall verfügbar, leicht zu handhaben und einigermaßen verständlich sein. Für mich und viele, viele andere ist das in der Praxis der Duden. Wenn Ihnen der nicht gefällt, dann setzen Sie im Tagesgeschäft ein anderes Buch ähnlichen Zuschnitts mit ähnlicher Verbreitung durch, aber es muss eines dieser Art geben!

Es ist doch so, liebe Mit-Ingenieure: Wenn es plötzlich gilt, die Oberfläche einer Kugel zu berechnen oder das spezifische Gewicht einer bestimmten Magnesiumlegierung in eine Berechnungsformel einzusetzen, dann müssen Sie das irgendwo schnell und mit höchster Treffsicherheit nachschlagen können. Es muss dafür einen Standard geben. Und den gibt es natürlich auch.

  •  Es geht ja nicht nur darum, dass Sie irgendwo in der Produktion arbeiten (beispielsweise) und gelegentlich in privater Mission irgendwann einen Brief schreiben. Ihr Unternehmen legt – vielleicht – seinen Produkten Bedienungsanweisungen bei oder schreibt – ganz sicher – Angebote für Kunden. Und die müssen richtig geschrieben und anständig formuliert sein. Basta (das hat ein berühmterer Mann vor mir gesagt, ich zitiere nur). Schließlich haben wir ja auch noch einen kulturellen Standard und wollen doch wohl nicht auf „ich Tarzan, du Jane“ zurückfallen. Oder?
  • Zähneknirschend habe ich mich für die neue Rechtschreibung entschieden. Weil die meisten Zeitungen darauf eingingen, weil die nachwachsende junge Generation das in der Schule so gelernt hat und lernt, weil neu herauskommende Bücher so geschrieben waren und viele Kunden das als Standard in ihren von uns getexteten Stellenanzeigen so wollten. Aber ich habe hier wissentlich nie etwas als Fehler bezeichnet, nur weil es nicht dem allerneuesten Stand der Veränderungen entsprach. Das wäre nicht vertretbar.

Bei der Gelegenheit: „Selbstständig“ ist – mit Doppel-st – nach dem geltenden neuen Standard zweifelsfrei richtig, nicht etwa nur für Beamte. Mit nur einem „st“ ist es „alte Form“, aber noch erlaubt und (noch?) nicht falsch.

PS. Ich bin absolut harmlos, tolerant und überaus großzügig, was sprachliche Korrektheit angeht (und gestehe jederzeit eigene Fehler ein). Lesen Sie aber einmal zur Entspannung das preiswerte Taschenbuch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ von Bastian Sick, nachgedruckt aus der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne „Zwiebelfisch“ (ISBN 3-462-03448-0, Kiepenheuer & Witsch). Ein Leser hat mir eines geschenkt. Nach der Lektüre wissen Sie erst, was Sie an mir haben (das Büchlein ist gut, geht aber zwei bis drei Stufen tiefer in die Details als ich das überhaupt könnte).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1911
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-02-17

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