Heiko Mell

„Der Alltag hält dem Wunsch nicht stand“

Antwort:

Die meisten trennungswilligen jüngeren Akademiker, die ihren ersten Arbeitgeber nach etwa zwei Jahren wieder verlassen, machen sich ein falsches Bild von den Folgen ihres Handelns. Wie Kinder erhoffen sie sich „beim nächsten Mal das ganz große Glück“, anstatt die aufgetretene Krise zu meistern. Immer mehr Angestellten ergeht es wie jenem, dessen fünftes Arbeitsverhältnis gerade gescheitert ist und der überrascht feststellt, dass er auch beim ersten Unternehmen hätte bleiben können.

Fachleute stellen eine wachsende Krisenanfälligkeit fest. Die Angestellten heute, so sagen sie, reagierten schon auf Kleinigkeiten „hysterisch“. Angesichts dieses mangelnden Durchhaltevermögens empfehlen sie ein realistisches Bild von der Berufswelt und frühe Aufklärung schon in der Schule.

Fällt Ihnen, liebe Leser, bis dahin etwas auf? Nun, der bisherige Text einschließlich der Überschrift ist weitgehend einem größeren Zeitungsartikel entnommen (FAZ, Friederike Bauer, 7.11.03). Man bloß: Es ging dort ausschließlich um Ehescheidungen, man beginnt einführend mit den als „beispielhaft“ bekannten Herren Bundeskanzler und Außenminister, die jeweils zum vierten Mal verheiratet sind oder gar schon wieder waren. Ich habe in mir interessant erscheinenden Passagen lediglich den „Arbeitgeber“ statt des „Partners“ eingesetzt und kleinere Anpassungen vorgenommen.

Aber wie sich doch die Bilder gleichen – es dürfte derselbe Zeitgeist sein, der in beiden Fällen Regie führt. Und gerade heute saß mir wieder ein Anfangsvierziger (Dipl.-Ing. TH) gegenüber, der ziemlich klar erkannt hatte: „Ich hätte damals meinen ersten Arbeitgeber nicht nach nur zwei Jahren verlassen sollen.“ Weil das, was er dagegen eingetauscht hatte, sich letzten Endes als das deutlich schlimmere Übel entpuppte.

„Der Alltag hält dem Wunsch nicht stand“ – Recht hat die Autorin des Scheidungsartikels. Das gilt auch in meinem Metier. Und, liebe Leute, es liegt am Wunsch und nicht an der unveränderbaren Realität des Alltags. Wer so schnell enttäuscht wird, ist oft mit allzu idealistischen Vorstellungen in die Praxis gegangen – was er sich selbst vorwerfen muss.

Aus Erfahrung leite ich folgende Tipps für junge Menschen ab, die in Versuchung sind:

 

1. Beziehen Sie Ihre familiäre Vorprägung in die Analyse ein – haben Sie Eltern oder andere Bezugspersonen, die Ihnen rechtzeitig ein realistisches Bild der industriellen Arbeitswelt vermitteln konnten? Wenn nicht, ist eine Überprüfung Ihrer Erwartungen doppelt angesagt.

 

2. Je größer und je namhafter der Arbeitgeber ist, desto „typischer“ ist er – und desto unwahrscheinlicher ist es, dass Sie auf eine hochspezielle Ausnahmesituation gestoßen sind, die wirklich unzumutbar ist. Es gilt der Umkehrschluss.

 

3. Bedenken Sie: Vermutlich reiben Sie sich am „System als solchem“, gar nicht am speziellen Unternehmen. Ein Wechsel würde Sie nur vom Regen in den Regen bringen, vielleicht sogar in die Traufe.

 

4. Ungeduld ist das Vorrecht der Jugend. Es geht ihr nur allzu oft nicht schnell genug. Unternehmen aber werden nun einmal überwiegend von älteren Herren geleitet – Ihr Arbeitgeber und die anderen auch. Da sind Enttäuschungen systemimmanent.

Kurzantwort:

Die meisten trennungswilligen jüngeren Akademiker, die ihren ersten Arbeitgeber nach etwa zwei Jahren wieder verlassen, machen sich ein falsches Bild von den Folgen ihres Handelns. Wie Kinder erhoffen sie sich „beim nächsten Mal das ganz große Glück“, anstatt die aufgetretene Krise zu meistern. Immer mehr Angestellten ergeht es wie jenem, dessen fünftes Arbeitsverhältnis gerade gescheitert ist und der überrascht feststellt, dass er auch beim ersten Unternehmen hätte bleiben können.

Frage-Nr.: 186
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-01-07

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