Heiko Mell

Der soziale Aufsteiger: Start und Ziel verwechselt?

Antwort:

Dass viele frischgebackene Akademiker aus der Tradition nichtakademischer Familien kommen, ist gesellschaftspolitisch positiv, beweist es doch die Offenheit unserer Strukturen. Und natürlich unterstreicht der nicht immer einfache Weg die besondere Leistung der sozialen Aufsteiger.

Aber diese spezielle Herkunft bringt auch die Gefahr mit sich, dass der junge Dipl.-XX seine frischerworbene Qualifikation falsch bewertet, daraus die falschen Schlüsse zieht und sein durch die Ausbildung geschaffenes Potenzial wieder verspielt.

Nehmen wir einen gerade „gekürten“ jungen Dipl.-Ingenieur und schauen wir auf mögliche Unterschiede als Resultate der Herkunft a) aus einer klassischen Akademikerfamilie und b) aus einem bildungsmäßig sehr viel „tiefer“ angesiedelten Umfeld (wir müssen uns hier nicht darüber unterhalten, dass dies keinen Qualitätsunterschied und schon gar keinen im menschlichen Bereich begründet). Aber jetzt hat der Junge sein Examen, und nun geschieht das hier:

a) Vater klopft dem Sohn auf die Schulter, hebt sein Glas und sagt etwa: „Gut gemacht. Wieder eine wichtige Hürde im Leben genommen. Nun hast du die Eintrittskarte für das Berufsleben. Ein interessanter, langer Weg liegt vor dir, mach das Beste daraus.“

Der Sohn ist auch glücklich bis zufrieden, freut sich über den Erfolg und kann es kaum erwarten, sich jetzt – wieder einmal – in einem neuen Umfeld zu bewähren. In seinem Erfahrungsschatz sind ein ziemlich volltrotteliger vollakademischer Onkel, eine promovierte, aber eher erfolglose Tante und ein akademisch gebildeter Bruder vertreten, der gerade mühsam seine ersten beruflichen Schritte geht – der Sohn sieht sich am „Start“ eines neuen Rennens, mehr nicht.

b) Die ganze Familie ist ergriffen: „Unser Sohn, der erste Akademiker in der Geschichte der Verwandtschaft.“ Und: „Jetzt hast du es geschafft“ – der junge Dipl.-XX wähnt sich am Ziel. Nun geht alles „von selbst“, die Ausbildung verheißt Karriere, das weiß man ja.

Ich, liebe Leser, bediene Klischees? Von mir aus. Vor allem aber berichte ich aus der Praxis. Ich bin zwar selten bei solchen Feiern dabei – aber ich habe die Söhne oder Töchter gemäß b (Söhne scheinen anfälliger zu sein) so fünf, zehn oder zwanzig Jahre später im Gespräch vor mir: erfolgsarm, frustriert, auf der Verliererseite. Weil sie – aus damaliger Sicht verständlich, aus späterer unverzeihlich – mit dem Examen in der Hand ein Ziel erreicht wähnten, das ihnen all die Jahre über die höhere Schule und das Studium hinweg als leuchtendes Ende eines schwierigen Weges erschien. Dabei war es gar kein Ziel – es war hingegen nur eine weitere abgehakte Etappe einer „Tour des Berufslebens“, wovon die jeweils neue immer ein bisschen schwieriger ist als die letzte.

Sind Sie betroffen? Keine Angst, der soziale Aufstieg funktioniert grundsätzlich tadellos. Aber das erreichte Dokument mit dem „Dipl.“ darauf ist nur ein kleiner, wenn auch nicht unwichtiger Zwischenschritt. Seien Sie gewarnt: Ihr Ausbildungskollege aus Familie a) weiß das schon lange und baut von Anfang an seine Strategie darauf auf.

Kurzantwort:

Dass viele frischgebackene Akademiker aus der Tradition nichtakademischer Familien kommen, ist gesellschaftspolitisch positiv, beweist es doch die Offenheit unserer Strukturen. Und natürlich unterstreicht der nicht immer einfache Weg die besondere Leistung der sozialen Aufsteiger.

Frage-Nr.: 184
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-12-13

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