Heiko Mell

Ärger mit dem Chef – oder mit dem System?

Antwort:

Dass man sich über seinen Vorgesetzten ärgert, ist nicht beunruhigend, es gehört zum beruflichen Alltag. Wer „von oben her“ anweist, kontrolliert, kritisiert, ersehnte Beförderungen oft nicht realisiert und längst „verdiente“ Gehaltserhöhungen mitunter verweigert, vom fachlichen Detail meist weniger versteht als seine Mitarbeiter und gelegentlich so falsch entscheidet, wie es „falscher“ gar nicht geht, der zieht es förmlich auf sich, dass seine „Untergebenen“ ihm derartige Gefühle entgegenbringen.

Der auf Erfolg bedachte Mitarbeiter darf sich also ruhig über seinen Chef ärgern, gelegentlich – aber Ärger mit ihm haben darf er eher nicht, auch nicht gelegentlich. Denn sich ärgern können – und sollten – Sie heimlich, vom „Ärger haben“ weiß der Vorgesetzte, es ist ein zweiseitiger Vorgang. Dass dies zum Nachteil des Mitarbeiters ausgehen dürfte, ist allgemein bekannt – und für mich auch nur Einführung in ein neues Thema:
Insbesondere der junge, noch unerfahrene Mitarbeiter muss im Falle eines Falles sorgfältig prüfen, mit wem er eigentlich in Konflikt geraten ist – mit diesem einen, zufällig dort sitzenden Chef oder mit „dem Vorgesetzten als solchem“, nämlich mit dem Vertreter des Arbeitgebers als Typus.

Konkret: Im ersteren Fall kann es Zufall sein, an der einen Person auf der anderen Seite des Schreibtisches liegen und die Lösung kann unter Umständen „ich bewerbe mich woanders“ lauten.

Im zweitgenannten Falle jedoch hilft der simple Wechsel kaum, weil anderswo wieder solche Chefs sitzen, mit denen der Mitarbeiter wieder Ärger bekommt. Fast nie erreicht jemand dabei eine „Trefferquote“ von 100 Prozent – aber Ärger mit jedem dritten Chef zieht sich durch manche Lebensläufe wie der berühmte rote Faden durch die Geschichte Österreichs. Wer davon betroffen ist (vom Ärger, wohlgemerkt), hat Probleme nicht mit Personen, sondern mit dem Chef als Institution. Und damit ist klar: Ein simples Austauschen der Person durch willkürlichen Wechsel bringt gar nichts – außer einem neuen Problem am anderen Ort. Und der ständigen Bedrohung der beruflichen Existenz.

Die Kernfrage beim ersten Ärger mit dem Chef lautet also: Bin ich mit ihm als zufällig dort sitzender Person oder als typischem Vertreter der Institution „Vorgesetzter“ zusammengestoßen?

Indizien für die schlimmere, zweite Version sind: frühere Probleme mit Autoritätspersonen aller Art, vom Vater über Lehrer („der konnte mich nicht leiden“), Professoren, Bundeswehrvorgesetzte, Chefs anlässlich von Praktika etc. Dann ist mit ständigen Wiederholungen zu rechnen. Abhilfen: Änderung der eigenen Einstellung zu den Dingen (dazu gehört es auch zu akzeptieren, dass eine Beschäftigung als abhängig Beschäftigter einer uneingeschränkten Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zwangsläufig etwas im Wege steht). Oder Wechsel in einen völlig anderen Unternehmenstyp (Größe, Rechtsform, Branche) mit einem anderen Cheftyp. Oder Aufbau einer Existenz als Selbstständiger (der sich jedoch an seine Kunden anpassen muss).

Kurzantwort:

Dass man sich über seinen Vorgesetzten ärgert, ist nicht beunruhigend, es gehört zum beruflichen Alltag. Wer „von oben her“ anweist, kontrolliert, kritisiert, ersehnte Beförderungen oft nicht realisiert und längst „verdiente“ Gehaltserhöhungen mitunter verweigert, vom fachlichen Detail meist weniger versteht als seine Mitarbeiter und gelegentlich so falsch entscheidet, wie es „falscher“ gar nicht geht, der zieht es förmlich auf sich, dass seine „Untergebenen“ ihm derartige Gefühle entgegenbringen.

Frage-Nr.: 182
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-12-01

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