Heiko Mell

Einmal etwas ganz anderes machen

Antwort:

Sie kennen Überlegungen dieser Art? Es beginnt mit „man müsste“ – einer noch deutlich abgegrenzten Vorstufe von „ich will“. Ausgelöst werden solche Wünsche oft durch einschneidende, eher nach Niederlage denn nach Sieg schmeckende äußere Ereignisse wie Jobverlust, Scheidung oder anderweitig bedingten Verlust des Partners, durch sich unaufhaltsam nähernde Altersgrenzen oder schlicht durch eher allgemeine Frustrationen. Manchen überkommt auch ohne äußeren Anstoß die Sehnsucht, den totalen beruflichen Neuanfang zu suchen.

Ob so etwas überhaupt funktioniert – ist dabei nicht das Problem, dessen wir uns hier annehmen müssten. Denn ob jemand Sie „etwas ganz anderes“ machen lässt, merken Sie ja am Erfolg Ihrer Bemühungen; Sie brauchen es nur auszuprobieren, dann wissen Sie es.

Die Probleme beginnen, wenn ein solcher Schritt gelungen ist; etwas reduziert gilt das auch bei radikalen Tätigkeitswechseln, die Sie beim bisherigen Arbeitgeber vollziehen. Jeder Wechsel ist ein „Drahtseilakt“, man kann dabei durchaus auch fallen. Kritisch ist eine Zeit von etwa sechs bis achtzehn Monaten nach dem Neubeginn. Werden Sie dann – ob ohne eigenes Verschulden oder nicht – zum erneuten Wechsel gezwungen, ist Ihre Situation nicht eben beneidenswert:

– Ihre Bewerbung liegt bei Entscheidungsträgern auf dem Tisch, die „so etwas“ vermutlich nie gemacht haben, denen das Verständnis dafür fehlt oder die aus – nachvollziehbaren – sachlichen Gründen den durchgängigen „roten Faden“ im Werdegang vorziehen.

– Wo wollen Sie jetzt hin? Dem „alten“ Gebiet hatten Sie durch den Wechsel unübersehbar abgeschworen, es faszinierte Sie nicht mehr, war für Sie zweitklassig geworden. Und auf dem neuen sind Sie dann gerade erst gescheitert, gute „Ausreden“ dafür hin oder her.

– Wer einmal alles hinwirft, was er bisher gemacht hat, kann (wird?) das wieder tun. Wer garantiert, dass Ihr jüngster Fachgebietswechsel der letzte war? Es gibt ja tatsächlich den Mitarbeitertyp, der nie zufrieden ist.

Aber stünde denn ein solcher Wechsel nicht für Flexibilität, Bereitschaft zur Akzeptanz des Neuen, für Initiative und den Mut zum Unkonventionellen? Im Prinzip durchaus, aber ich rate zum Augenmaß: Planen Sie solche Wechsel eher in jungen als in fortgeschrittenen Jahren („wie lange braucht der eigentlich, um zu merken, dass ihm das bisherige Gebiet nicht liegt – siebzehn Jahre?“). Achten Sie darauf, dass Verbindungslinien zwischen alter und neuer Tätigkeit bestehen bleiben. Positive Beispiele: Der Name des Arbeitgebers bleibt gleich, Sie behalten zumindest die Branche oder doch den Firmentyp bei.Übrigens: Wer den Sprung in die Selbstständigkeit wagt, ist hier freier. Neue Kunden sind schwer zu gewinnen – fragen aber zumindest nicht konkret nach Lebensläufen und Zeugnissen, nicht nach Lückenlosigkeit im Werdegang und zweifelsfreier Konsequenz desselben.

Für Angestellte aber lautet das Fazit: Wenn jeder völlige Neuanfang so schwer ist, muss man von Anfang an sorgfältig planen. Und schon die ersten zwei Jahre nach dem Studium prägen den Werdegang stark, die nächsten fünf prägen ihn entscheidend und die anschließenden fünf fixieren ihn nahezu endgültig. Das soll Sie nicht ängstigen, im Gegenteil: Wenn Sie den radikalen Sprung vermeiden, an den „roten Faden“ denken, wenn Branche und Tätigkeit sich folgerichtig und ohne brutale Neuanfänge weiterentwickeln, dann sind Sie als Bewerber auf Ihrem Gebiet nach der ersten Phase gefragt, nach der zweiten begehrt – und nach der dritten über 40.

Und wenn sich erweist, dass Sie sich voller Elan auf eine Branche mit hochspeziellen Tätigkeitsgebieten geworfen haben, die dann ganz plötzlich auf der Verliererseite steht? Dann haben Sie im ständigen „Roulette des Berufslebens“ auf rot gesetzt und schwarz ist gekommen. Ihnen bleibt nur: Sie sind zum Neuanfang gezwungen, haben keine Wahl, müssen da durch, sich auf fremdem Gebiet dem Wettbewerb mit diesbezüglichen Profis stellen. Man verliert halt nicht ungestraft – beim Roulette und anderswo.

Kurzantwort:

Sie kennen Überlegungen dieser Art? Es beginnt mit „man müsste“ – einer noch deutlich abgegrenzten Vorstufe von „ich will“. Ausgelöst werden solche Wünsche oft durch einschneidende, eher nach Niederlage denn nach Sieg schmeckende äußere Ereignisse wie Jobverlust, Scheidung oder anderweitig bedingten Verlust des Partners, durch sich unaufhaltsam nähernde Altersgrenzen oder schlicht durch eher allgemeine Frustrationen. Manchen überkommt auch ohne äußeren Anstoß die Sehnsucht, den totalen beruflichen Neuanfang zu suchen.

Frage-Nr.: 181
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-11-20

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