Heiko Mell

Ist Mell ein fauler Einser-Mann?

Ich nehme Bezug auf „Notizen aus der Praxis“ Nr. 171 „Kollateralschäden“.

Es ist recht amüsant zu sehen und zu lesen, wie ein Dinosaurier versucht, sich im Zeitalter der Säugetiere, in das er nicht mehr gehört, zu bewegen. Das einzig Schlimme ist, wenn er auch zu einer aussterbenden Spezies gehört, in seine Fänge zu geraten. Da wird man zerrissen. Aber ernsthaft schaden kann er der Population der Säugetiere nicht, nur dem Individuum.

Dies war mein Exkurs in die blumen- und bilderreiche Sprache des Herrn Mell. Seit Jahren predigt er die Demutshaltung, sich lieber treten zu lassen als zu treten, dankbar zu sein fürs Gehalt, das man für seine Arbeit bekommt. Und wenn’s schief geht, die Firma pleite ist oder durch Übernahme umstrukturiert wurde, der Arbeitsplatz von heute auf morgen weg ist, na dann hat man eben Pech gehabt. Man ist ja kein Arbeitgeber, sondern Arbeitnehmer und somit auswechselbare Dispositionsmasse. Vielleicht ist man ja auch selbst schuld, dass der Laden „über die Wupper gegangen“ ist.

Lese ich die beispielhaften Gesprächsinhalte fiktiver, aber durchaus realistischer Fragen und Antworten, wie sie in Vorstellungsgesprächen immer wieder vorkommen, kann ich mich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass Herr Mell ein Persönlichkeitsproblem hat. Aber das ist verständlich, lebt er doch in seiner Welt alleine. Denn er hat vermutlich trotz Faulheit ein Einser-Abitur hingelegt, hatte nie Zweifel und auch kein anderes Ziel gehabt, als Berater und Schreiber amüsanter Geschichten in den VDI nachrichten zu werden (oder war’s doch kein Einser-Abitur?). Jetzt gibt’s Probleme mit der absoluten Wahrheitsfindung des Herrn Mell. Gibt brav und ausführlich Auskunft über all seine persönlichen Verhältnisse und Vorlieben und reagiert, wie schon in früheren Ausgaben, beleidigt, wenn er aus einem Brief herausliest (Punkt 7 des angesprochenen Beitrags), dass seine Lebensweisheiten offenbar nicht viel taugen.

Gerade in jüngster Vergangenheit hat es Beispiele bekannter Persönlichkeiten gegeben, die sich als selbsternannte Wahrheitsapostel aufgespielt und dann ein jähes Ende erfahren haben, öffentlich um Verzeihung und Nachsicht baten, was sie anderen nie zugestanden haben. Es ist sehr still um diese Personen geworden. Es gibt einen alten Spruch, der mehr Wahrheit beinhaltet als die vermeintlichen Weisheiten des Herrn Mell und der lautet: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“ Denn Herr Mell hat vor kurzem einmal bemerkt, dass selbst Vergehen, die gerichtlich geahndet werden, irgendwann gelöscht werden. Herr Mell jedoch in seiner Eigenschaft als Hüter der Gerechtigkeit sorgt dafür, dass geäußerte Kinderwünsche als Makel klassifiziert und auf ewig erhalten bleiben.

Ich bin Maschinenbau-Ingenieur, verheiratet, Kinder und war ohne Protektion mit unter 40 Jahren GmbH-Geschäftsführer in der Zulieferindustrie und bin seit kurzer Zeit, mit mittlerweile Mitte 40, in einem Konzern als Berater eingestiegen.

Wäre ich Ihren Ratschlägen gefolgt, ich wäre ebenfalls zur Dispositionsmasse geworden oder aber immer noch ein, mittlerweile ernüchterter und frustrierter, Sachbearbeiter. Hätte ich Ihre Ratschläge in der Personalauswahl befolgt, ich habe Hunderte von Menschen eingestellt, ich wäre mit Pauken und Trompeten untergegangen, da ich nur „systemkonforme“ Eierköpfe eingestellt hätte. In Zeiten, wo die Halbwertszeiten von Jobs immer geringer werden und die gesamte Arbeitswelt sich in einem Wandel befindet, wie er noch nie dagewesen ist, helfen Ratschläge aus einer anderen Epoche, so gut sie auch gemeint sein mögen, nicht mehr weiter.

Nehmen Sie mir bitte meine süffisante Schreibweise und teilweise, zugegebenermaßen, sarkastischen Äußerungen nicht zu übel. Ich habe nur versucht, eine Ausdrucksweise zu finden, die auf Sie so wirkt, wie die Ihrige auf hilfesuchende Personen wirken muss.

Antwort:

Sie müssen sich ja in letzter Zeit sehr über irgend etwas im Zusammenhang mit Beruflichem geärgert haben, dass Sie derart losschlagen. Ich verstehe nur nicht so ganz, warum Sie sich ausgerechnet diesen Artikel ausgesucht haben. In dem es um vermeidbare(!) taktische Ungeschicklichkeiten junger Akademiker in Vorstellungsgesprächen(!) geht. Von Ihren im letzten abgedruckten Satz erwähnten „hilfesuchenden Personen“ ist dort überhaupt nicht die Rede.

Mit Artikeln wie dem von Ihnen angesprochenen will ich anderen – in diesem Fall jungen – Menschen helfen. Diese sehen an praktischen Beispielen, wie bestimmte Äußerungen oder Verhaltensweisen auf manche Gesprächspartner wirken. Mit meiner (aus didaktischen Gründen sehr deutlich formulierten) Einstellung zu dem Gebotenen bin ich ganz gewiss nicht „allein“, wie Sie weiter unten meinen. Schließlich tausche ich mich täglich mit Kunden auf Unternehmensseite und mit Personen aus, die privat entsprechenden Rat suchen („individuelle Karriereberatung“). Auch die Leserzuschriften für diese Serie reißen nicht etwa ab, obwohl ich doch die Leute so furchtbar schlecht behandle.

Sie sind heute selbst Berater und waren früher Geschäftsführer (wofür ich nun wirklich nichts kann). Daher wissen Sie selbst, dass ein Berater wie ich letztlich keine Chance hat, hochrangigen Entscheidungsträgern in Wirtschaftsunternehmen im hier zur Debatte stehenden Themenkreis etwas einzureden. Ich kann letztlich nur mit Fakten, Fachwissen oder Manpower helfen, mehr nicht. Ein besonders anerkennend gemeintes Lob von Unternehmensseite für mich lautet denn auch: „Mit Ihnen arbeiten wir gern zusammen, Sie denken genau wie wir.“ Ein „Sie erst haben uns gezeigt, wie man denken muss“, gibt es nicht!

Ich zwinge ja nun die Leser nicht, ihr Verhalten meinen Ratschlägen anzupassen; ich informiere sie, kläre sie auf, erweitere ihre Handlungsalternativen. Niemand braucht zu befürchten, dass ich auf Unternehmensseite für bestimmte Denk- und Entscheidungsstrukturen „sorge“. Schön, wenn Sie in Ihrem Konzern so viel Einfluss haben – ich habe ihn nicht.Interessant ist das Predigen von „Demutshaltung“, das Sie mir unterstellen. Davon kann auch nicht andeutungsweise die Rede sein! Ich kläre hingegen über die – real existierende – Abhängigkeit des Angestellten von dem Urteil seines Arbeitgebers, dieser vertreten durch den unmittelbaren Vorgesetzten, auf. Und ich sage: Es gilt, diesen Vorgesetzten zu „erheitern“.

Ja wo steht denn bei mir, dass dies durch Demutshaltung zu geschehen hat? Ich sage: Ein guter Mitarbeiter ist einer, den sein Vorgesetzter dafür hält. Das ist richtig, das System will es so.

Und wenn jemand an einen Chef gerät, der keine „systemkonformen Eierköpfe“ mag, der also Probleme mit Leuten hat, die gute Noten und nach klassischen Gesichtspunkten einwandfreie Werdegänge haben, dann müssen dort arbeitende Mitarbeiter und dort auftretende Bewerber eben so sein und auftreten, dass sie den Maßstäben dieses Chefs entsprechen. Viele, durchaus eher die wertvollen, Vorgesetzten würden auf „Demutshaltung“ sehr(!) negativ reagieren. Sogar ich, falls das interessiert.

Aber: Wir könnten uns darüber unterhalten, ob nicht Sie mit Ihrer ausgeprägten Haltung ebenso viel Anpassung von Ihren Mitarbeitern erwartet haben wie eher konventionell denkende Chefs. Ob ein Mitarbeiter in der Kantine zu einem Kollegen sagt: „Hier darf man, wenn man etwas werden will, kein Einser-Examen haben und nicht promoviert worden sein“ oder etwa: „Hier hat ein Mann mit schwächeren Noten und etwas unkonventionellerem Werdegang keine Chance“ – kommt letztlich auf das Gleiche hinaus!

Natürlich hält jeder Chef seine Einstellung für die einzig Richtige und verkündet, nur „so“ könne man handeln und denken. Auch Sie hatten dazu Ihre Chance.

Mit Noten, das müssen Sie eingestehen, haben Sie ein ziemliches Problem. Da sind die „Eierköpfe“, da ist Ihre Spekulation um mein vermeintliches Einser-Abitur. Manchmal kann jemand Menschen mit guten Noten von der Schulzeit an nicht ausstehen – davon sollte man sich aber dann doch frei machen. Ach und wenn ich tatsächlich einen solchen Top-Abschluss hätte und das trotz Faulheit – dann wäre ich erstens eine Art Genie und zweitens: Was hätte mir dann Fleiß überhaupt noch gebracht, etwa 0,7? Dann doch besser faul mit „sehr gut“.

Also unter uns, diesen Aspekt hätten Sie weglassen sollen. Übrigens sind Sie mit Ihrer Vermutung, was mich angeht, so weit weg von der Wahrheit wie es überhaupt nur möglich ist.

Die Drohung, dass ich eines Tages „weg vom Fenster“ sein könnte wie Ihre erwähnten anderen „Apostel“ habe ich zur Kenntnis genommen. Nur: „Der Dino stirbt, jedoch er schnupfet nicht“ (nach einem vermutlich falschen Zitat aus der Schlacht bei Waterloo). Aber sterben, dies zum Trost, wird er, das ist absehbar. So wie Sie ein paar Jahre später (statistisch).

Nun noch einmal kurz zum Beitrag, der Anlass Ihres Briefes war. Warum verstehen Sie bloß nicht, worum es mir geht (das kann selbstverständlich an meiner Unvollkommenheit liegen)? Sie sprechen Punkt 7 an. Er lautet wörtlich: „Und dann war da noch der Satz in einem Brief an mich mit der dringenden Bitte um (kostenlose) Hilfe: „Ich lese Ihre Tipps in der Karriereberatung regelmäßig, von denen mir einige als durchaus brauchbar erscheinen.“

Wie können Sie daraus schließen, ich sei beleidigt, wenn ich aus einem Brief herauslese, dass meine Weisheiten offenbar nicht viel taugen? So ein Unfug! Erstens beweist ein solcher Brief nicht, dass meine Aussagen falsch oder schlecht sind – der Schreiber hat doch bloß eine(!) Meinung, verkündet aber nicht das absolute Urteil. Aber viel wichtiger ist: Es war in höchstem Maße unklug und wird absolut nicht zur Nachahmung empfohlen, von jemandem kostenlose Hilfe zu wollen und gleichzeitig anzudeuten, nach Einschätzung des Bittstellers tauge nur ein Teil der Arbeit dieses Menschen etwas, der Rest eher nicht! Selbst ein Bahnhofspenner haut mich nicht an: „He, alter Blödmann, haste mal ’nen Euro?“ Wieviel klüger müsste dann erst ein Akademiker sein. Eigentlich.

Ihnen wünsche ich Glück und Erfolg im Beraterjob. Der auch seine Tücken hat, warten Sie nur ab.

Frage-Nr.: 1805
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-11-13

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