Heiko Mell

„Doch unterdessen entflieht die Zeit, …

Antwort:

… flieht unwiederbringlich“, wusste schon Vergil (so um 50 v. Chr.). Was immer er mit „unterdessen“ gemeint hat, ich nutze das Zitat für eine Warnung an Menschen, die eigentlich anspruchsvolle Karriereziele haben, deren Problem jedoch darin besteht, dass schon viel Zeit verstrichen ist, man aber noch immer keine adäquaten Resultate sieht. Dabei gilt in dem Metier, was auch auf Bahnhöfen gilt: Ist der Zug ohne Sie abgefahren, ist eine Chance vertan – wer den nächsten nehmen muss, erreicht das Ziel nicht mehr rechtzeitig.

Das alles wäre nicht so schlimm, wäre in Karrierefragen nicht der zeitliche Spielraum so überaus knapp bemessen:

Mit 28 steigen junge Akademiker ins Berufsleben ein – mit 45 sollten sie schon wieder auf dem Stuhl sitzen, auf dem sie notfalls bis zur Pensionierung bleiben. Der letztgenannte Grenzwert ergibt sich einfach aus der dann sehr schnell einsetzenden Beeinträchtigung externer Wechselmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt: Wer mit Aufstieg per externem Wechsel nicht mehr rechnen darf, verliert auch intern an Durchschlagskraft. Natürlich geht oft auch noch etwas mit 48, mitunter gelingt auch 50-jährigen Bewerbern noch ein Vertragsabschluss. Aber diese knappe Reserve oberhalb von 45 braucht man als Sicherheit für existenzbedrohende Notfälle, sie sollte nicht mehr für klassische Karriereschritte eingeplant werden.

Das sind dann also etwa siebzehn Jahre vom Berufseinstieg zur Zielposition. Das ist nicht viel! Vor allem ist da kein Raum für mehrere langjährige Beschäftigungsverhältnisse ohne erkennbaren Aufstieg: Acht Jahre Sachbearbeiter bei A und dann acht Jahre Gruppen-/Teamleiter bei B – und Sie sind 44. Dann wäre es schon gewagt, die verbleibende Reserve für den Sprungversuch in die Abteilungsleiterebene zu „opfern“.

Außerdem verlangt kein Arbeitgeber, der einen neuen Mitarbeiter sucht, dass der Bewerber acht Jahre davor ein und dieselbe Funktion ausgeübt hat, achten Sie einmal auf Formulierungen in Stellenanzeigen. Fünf Jahre pro Funktion und Ebene sind jeweils absolut ausreichend – fünf Jahre pro Arbeitgeber übrigens jederzeit auch.

Also gilt die Faustregel: Versuchen Sie, so etwa alle fünf Jahre befördert zu werden – bis Sie da sind, wo Sie hinwollen. Und wenn das intern nicht klappt, denken Sie eben an den externen Weg. Und wenn Sie nicht höher hinaus wollen, hören Sie eben einfach auf.

Wenn Sie aber bis 40 Sachbearbeiter bleiben, haben Sie allergrößte Probleme, überhaupt noch Gruppenleiter zu werden. Weil sich eben beizeiten krümmt, was später ein Häkchen werden will (Volksmund).

Natürlich ist das nur eine Faustregel. Aber rechnen Sie einmal nach: Berufseinstieg mit 28, Gruppen- oder Teamleiter mit 33, Abteilungsleiter mit 38, Bereichsleiter mit 43, da stecken sogar noch zwei Jahre Sicherheitsreserve drin. Für die vielen Menschen, die so vorgehen, ist das absolut kein Prozess, der etwa nach „Hetze“ klänge. Und: Sie müssen ja nicht Bereichsleiter werden wollen – es findet sich schon jemand anderer für jede derartige Position. Aber falls Sie Aufstiegsinteressen haben, ist die 5-Jahres-Regel ein brauchbarer Anhaltspunkt. Nur aufholen lässt sich entflohene Zeit nicht mehr. Wenn der Zug weg ist, ist er weg (fast ein Slogan für die Bahnwerbung – ebenso banal wie unangreifbar; Vergil wurde dabei nicht ganz erreicht, wie ich eingestehe).

Kurzantwort:

… flieht unwiederbringlich“, wusste schon Vergil (so um 50 v. Chr.). Was immer er mit „unterdessen“ gemeint hat, ich nutze das Zitat für eine Warnung an Menschen, die eigentlich anspruchsvolle Karriereziele haben, deren Problem jedoch darin besteht, dass schon viel Zeit verstrichen ist, man aber noch immer keine adäquaten Resultate sieht. Dabei gilt in dem Metier, was auch auf Bahnhöfen gilt: Ist der Zug ohne Sie abgefahren, ist eine Chance vertan – wer den nächsten nehmen muss, erreicht das Ziel nicht mehr rechtzeitig.

Frage-Nr.: 180
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-11-13

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