Heiko Mell

Praxisbezug

Das Thema liegt zwar schon etwas zurück, aber es drängt mich doch, dazu etwas aus eigener Erfahrung beizutragen:

Wir hatten einen Fachhochschulabsolventen mit gutem Abschlusszeugnis als Konstrukteur eingestellt. Wie in der Praxis üblich, wurden seine Arbeiten anfangs intensiver überprüft als später.

Eines Tages beklagte sich sein zuständiger Gruppenführer bei mir über immer wieder bei den Kontrollen festgestellte – teilweise gravierende – Fehler. In einem Gespräch mit dem jungen Ingenieur trat ein Ausbildungsfehler zutage, der mich fast umhieb. Originaltext seiner Aussage: „Bei den Klausuren hatte ich nicht immer das richtige Ergebnis, bekam aber dennoch die Note ‚gut‘. Das wurde erklärt mit dem Zusatz ‚im Ansatz gut‘, auch wenn das selbstermittelte Ergebnis unter Umständen um eine Zehnerpotenz vom richtigen abwich.“

Zu seiner Ehrenrettung muss ich dem Betreffenden aber ein danach stetig steigendes Verantwortungsgefühl bescheinigen.

Antwort:

Ein sehr schönes Beispiel, ich bin dankbar dafür. Insbesondere ist zu wünschen, dass Lehrende aller Art das zur Kenntnis nehmen.

In der betrieblichen Praxis, das darf ich bei der Gelegenheit noch einmal unterstreichen, ist die absolute Zuverlässigkeit in jedem Detail unverzichtbares Qualifikationsmerkmal. Was immer ein Mitarbeiter ermittelt, errechnet, kalkuliert – die Fakten müssen stimmen, Zahlen müssen korrekt angegeben werden. Auf das, was er abliefert, muss man Häuser bauen können.“Geniale“ Ideen in einer Investitionsvorlage für den Vorstand, bei denen dann aber die Kalkulationsansätze wegen falscher Kommasetzung bei einigen Zahlen nicht stimmen, nützen gar nichts. Im Gegenteil: Sie führen zu Wutanfällen. Ich möchte auch kein Auto fahren, das „im Ansatz“ ein großer Wurf ist, in der Praxis dann aber ständig ausfällt, weil wesentliche Konstruktionsteile falsch berechnet wurden.

Das fängt im Kleinen schon an. Gestern lag vor mir die Bewerbung eines hochkarätig ausgebildeten Akademikers. Meine Firma, in diesem Fall eine GmbH, hatte er in der Adresse im Anschreiben zur „GmbH & Co. KG“ gemacht. „Richtiges Abschreiben einer Anschrift aus einer Zeitung“ hieß die Aufgabe, an der er schon gescheitert war. Was stellt ein solcher Mann erst in der Praxis an, wenn er etwa dreihundert Fakten und Vorgaben aufnehmen und in einem Projekt verarbeiten muss?

Eine schon früh einsetzende Erziehung zur Präzision kann keinesfalls schaden. Sie wäre eine große Hilfe für die spätere Praxisbewährung der Schüler und Studenten.

Wir hier sehen in Bewerbungen Arbeitsproben. Und das lässt nichts Gutes für die Industrieprodukte erwarten, die mit diesen Kandidaten erstellt werden: Da fehlen von Zeugnissen ganze Seiten, dafür sind andere doppelt beigelegt, da sind Namen von Firmen (siehe oben) und Personen (noch schlimmer) falsch aus der Zeitung abgeschrieben. Es wird vergessen, längst geplante und gebuchte Urlaube im Zeitraum der zu erwartenden Vorstellungsgespräche anzugeben. Da verspricht der Bewerber seine Entscheidung über ein Vertragsangebot „bis zum Montag“ und ruft dann doch erst am Donnerstag wieder an (oder nie). Alles, weil zu viele Lehrer und Professoren mit dem „richtigen Ansatz“ zufrieden waren. Nun, die Praxis ist es nicht!

Es gibt ja jetzt – eine tolle Sache – die ersten Benimmkurse an Schulen. Vielleicht muss man die um Präzisionskurse ergänzen …

Frage-Nr.: 1797
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-10-11

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