Heiko Mell

Hobby und Beruf

Antwort:

Immer wieder stößt man auf sie: junge Akademiker, die mit glänzenden Augen von ihrer tiefempfundenen Leidenschaft für ein Hobby sprechen – und daraus die für sie einzig denkbare Konsequenz ableiten, genau in dem Fachgebiet auch beruflich tätig sein zu wollen. Und so strebt denn der Hobby-Fotograf mit Macht zum Kamerahersteller, der begeisterte Sportwagenfahrer zum Produzenten dieser besonders schnellen Autos und der engagierte Modelleisenbahner zur Firma mit der Lok im Firmenlogo.

Und ich stoße auf starke Skepsis, wenn ich davon abrate.Dabei gibt es gute Gründe für diese Zurückhaltung:

1. Der innerbetriebliche Aspekt:
Alle (alle!) unsere Unternehmen sind kommerziell ausgerichtet. Einfacher gesagt, sie sind profitorientiert. Die Jagd nach Erträgen, nach Umsatzzuwächsen und Marktanteilen ist das Ziel – und ein knallhartes Geschäft; es ist etwas für kühl und nüchtern operierende Profis. Produkte müssen aus dem Programm gekippt werden, wenn sie nichts mehr „bringen“, „Kernkompetenzen“ werden neu definiert, der Rest wird eliminiert.

Da ist kein Raum für Liebhabereien, persönliche Vorlieben, Steckenpferde, Sentimentalitäten – was zwangsläufig alles mit dem Begriff „Hobby“ verbunden ist.

Wer hier gefühlsmäßig zu sehr engagiert ist, muss zwangsläufig enttäuscht werden, das sollte man sich nicht antun. Vor allem unten in der Hierarchie nicht, wo man von Entscheidungen immer nur betroffen ist, aber sie nicht selbst treffen darf. Und „oben“ schon gar nicht, da könnte man zu falschen, weil nur gefühlsmäßig orientierten Entscheidungen neigen – die extrem karriereschädlich sind.

 

2. Der gesamtwirtschaftliche und logische Aspekt:Ich weiß nicht, wie viele verschiedene Produkte in dieser Volkswirtschaft entwickelt, produziert und verkauft werden. Ja ich weiß nicht einmal, wie viele Branchen man unterscheidet. Aber ich weiß, dass es absolut undenkbar ist, alle Positionen in all diesen Unternehmen mit Leuten zu besetzen, deren Hobby zum Produktspektrum passt. Große Konzerne stellen massenweise Babywindeln, Kugelschreiber, Radmuttern oder WC-Becken her. Wer wollte das wohl jeweils als persönliches Interessengebiet angeben?

An meinem Auto erwarte ich anständige, technisch überzeugende, qualitativ hochwertige Reifen. Punkt. Weder in der Konstruktion noch in der Produktion wäre mir dabei mit Leuten gedient, deren Hobby irgendwie mit „Gummi“ zu tun hat.

Damit wir uns nicht missverstehen: Jeder soll seinen Beruf, seine Tätigkeit, seine täglichen Aufgaben lieben, sich dort engagieren. Gerade auch fachliche Leidenschaft ist dabei unverzichtbar. Aber die sollte sich auf die Sache, die Tätigkeit konzentrieren, nicht auf die Branche oder das Produkt. Also produzieren Sie tagsüber engagiert Wasserhähne und fotografieren Sie leidenschaftlich privat.

Kurzantwort:

Immer wieder stößt man auf sie: junge Akademiker, die mit glänzenden Augen von ihrer tiefempfundenen Leidenschaft für ein Hobby sprechen – und daraus die für sie einzig denkbare Konsequenz ableiten, genau in dem Fachgebiet auch beruflich tätig sein zu wollen. Und so strebt denn der Hobby-Fotograf mit Macht zum Kamerahersteller, der begeisterte Sportwagenfahrer zum Produzenten dieser besonders schnellen Autos und der engagierte Modelleisenbahner zur Firma mit der Lok im Firmenlogo.

Frage-Nr.: 179
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-11-06

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