Heiko Mell

Was ist er, was kann er und wo will er hin?

Antwort:

„Er“ ist der Bewerber, der natürlich auch eine Bewerberin sein darf. Aber mich nervt (ein existierendes, lt. Duden aber etwas umgangssprachlich angehauchtes Wort, wie ich aus gutem Grund vorsichtshalber anmerke) schon das ewige er/sie, das ich in Anzeigen aus formalen Gründen verwenden muss.

„Er“ bemüht sich also um eine neue, bessere Position (oder überhaupt um eine, wenn er arbeitslos ist). Das Anliegen ist ihm wichtig, entsprechend engagiert er sich. So weit, so gut.

Aus der Sicht des Bewerbungslesers bleiben überraschend oft Kernfragen offen. Die wichtigsten stehen hier in der Überschrift, jede Bewerbung muss sie eigentlich beantworten, entsprechende Informationen sind eine Bringschuld des Kandidaten!

Was ist er?Also schön, den Ausbildungsstatus, z. B. Dipl.-Ing. Maschinenbau, kann man fast immer erfassen. Er steht im Lebenslauf und ganz bestimmt im Studienzeugnis.

Aber das ist nur ein Teil der Antwort. Zur ganzen gehört die wichtige Frage: Was ist er heute, welche Tätigkeit übt er in was für einer Art von Unternehmen aus? Davon bleibt sehr oft sehr viel ungesagt und damit offen.

Es beginnt mit in Neu-Englisch ohne Zusatzerklärung hingeschriebenen Positionsbezeichnungen. Oft sind das konzerntypische, „draußen“ ebenso unbekannte wie unverständliche Begriffe. Es liegt beim Bewerber, dem Adressaten ein klares Bild zu vermitteln – aber häufig hilft nicht einmal ein Griff zum Wörterbuch für Wirtschaftsenglisch. Schreiben Sie also nicht nur stolz und korrekt den hauseigenen Begriff hin, sondern übertragen Sie ihn ggf. in verständliche Sprache, beispielsweise durch einen in Klammern dahintergeschriebenen allgemein verbreiteten Ausdruck oder einen erklärenden Satz.

Als Anhaltspunkt: Blicken Sie gelegentlich einmal in einen größeren Stellenteil (Tageszeitung). Und prüfen Sie dabei, wie oft Ihre Positionsbezeichnung dort auftaucht. Oft: keine Erklärung nötig; nie: ohne Erklärung droht Schulterzucken des Lesers. Der aber soll nicht zucken, der soll in Begeisterung ausbrechen. Bestenfalls zweifelt er. Das wäre gut für Angeklagte vor Gericht, ist aber schlecht für Bewerber. Weil über die im Zweifel negativ entschieden wird.Und zu „Was ist er?“ gehören auch Branche, Größe und Produktspektrum des Arbeitgebers. Dessen „nackter“ Name allein reicht nicht!

Was kann er?

Ich will das wissen – halte aber nichts davon, mich durch eine allgemeine seitenlange Auflistung des Kandidaten zu quälen. Überhaupt will ich nicht wissen, was er „sonst noch alles“ kann, sondern nur im hier und jetzt – also bei dieser Position – interessierenden Rahmen. Der wiederum geht aus der Aufgabenbeschreibung und dem Anforderungsprofil in der Anzeige hervor.

Außerdem will ich nicht wissen, was der Bewerber vollmundig und großzügig unter „kann ich“ einordnet, ich will es bewiesen haben!

Der Beweis ist einfach: Man kann, was man gelernt und/oder getan hat. Letzteres ist besonders „durchschlagend“ als Argument. Also in Anschreiben und/oder Lebenslauf nicht beispielsweise „ich beherrsche das CAD-System xy“, sondern „ich arbeite seit fünf Jahren mit dem CAD-System xy“. Ist der Bewerber noch jünger, hilft auch der Hinweis auf Schwerpunktfächer im Studium oder das Thema der Diplomarbeit. Das Verweisen auf beigefügte Seminarbescheinigungen ist nur die zweitbeste Lösung: Sie sollen fließend Englisch sprechen – nicht fünf Kurse besucht haben. Also: „Ich wende diese Sprache beruflich ständig an (laufende Kontakte zu internationalen Kunden, zur amerikanischen Mutter, zur Konzernzentrale).

„Und sagen Sie bloß nicht, das alles sei logisch. Von mir aus mag es das sein, aber geboten wird dieser Service in Bewerbungen nur relativ selten!

Wo will er hin?

Die schnelle, aus der Hüfte geschossene Antwort lautet: Nach wohin schon – in die mit der Anzeige umrissene Position natürlich. Aber das ist nicht gemeint! Es geht um die „innere Logik“ des ganzen Ausbildungs- und beruflichen Werdeganges, um erkennbare Ziele, um sinnvolles Aufeinanderfolgen einzelner Schritte, um die Frage: „Was soll eigentlich dabei herauskommen?“

Es reicht dem Bewerbungsempfänger nicht, aus der Bewerbung herauszulesen, dass der Absender „diesen Job notfalls machen könnte“ – er will auch sehen, ob es wahrscheinlich ist, dass der Kandidat damit ein paar Jahre lang zufrieden wäre. Sagen wir es einmal so: Dass der Bewerber den Job will, beweist in diesem ganzen Geschäft überhaupt nichts. Es ist kein Qualifikationsbeweis und es ist auch kein Argument gegen eventuell auftauchende Zweifel, ob man dem Kandidaten (oder sich als Arbeitgeber) mit der Übertragung der Position mittelfristig einen Gefallen täte.

Daraus folgt: Wenn ein Bewerber schon Fakten im Lebenslauf hat, die in den Augen des Lesers in diesem Zusammenhang(!) Fragen aufwerfen müssen, dann sollte er zumindest Erklärungen oder gar Antworten mitliefern.

Ein Beispiel: Position Nr. 3 im Lebenslauf heißt „Leiter“; stolz wird angegeben, es seien sieben Mitarbeiter zu führen gewesen. Heute, in Position Nr. 4, ist der Mann Unternehmensberater, arbeitet in Projekten mit – und bewirbt sich nun um Nr. 5, eine hochqualifizierte Sachbearbeiteraufgabe ohne jede Führung. Wo will er hin – weiß er überhaupt, was er jetzt mit diesem Schritt anrichten würde, dass dies der endgültige Abschied von jeglicher Führung wäre?

Der Bewerbungsempfänger neigt vermutlich zu der Ansicht, der Absender habe das nicht gemerkt, nicht gesehen, nicht gewollt. Also lädt er ihn gar nicht zum Gespräch – und der Bewerber wundert sich, er war doch so eindeutig qualifiziert. Hilfreich wäre eine Anmerkung gewesen: „In meiner Führungsaufgabe (Pos. Nr. 3) habe ich erkannt, dass meine Stärke die hochqualifizierte Sacharbeit, nicht jedoch die Führung von Mitarbeitern ist. Die heutige Beraterfunktion war bereits der bewusste Ausstieg aus der Managementlaufbahn, jetzt strebe ich nach einer anspruchsvollen Spezialistenposition im ‚stationären‘ Unternehmen ohne die spezifischen Besonderheiten der Unternehmensberatung.“

Der Leser muss das nicht zwangsläufig begeistert aufnehmen, aber die Frage „Wo will er hin?“ wäre hinreichend überzeugend beantwortet.

Prüfen Sie einmal, ob Ihre Bewerbung diese drei Kernfragen beantwortet – und zwar in den Augen eines branchenfremden Mitarbeiters einer Personalabteilung. Der ja Ihrem Anliegen positiv gegenüberstehen soll, sich im Zweifelsfall aber nicht für, sondern gegen Sie entscheidet. Und zwar nicht aus Bosheit, sondern weil die Regel lautet: Sie müssen ihn überzeugen, schnell, nachdrücklich und mit Informationen, die er spontan versteht.

Kurzantwort:

„Er“ ist der Bewerber, der natürlich auch eine Bewerberin sein darf. Aber mich nervt (ein existierendes, lt. Duden aber etwas umgangssprachlich angehauchtes Wort, wie ich aus gutem Grund vorsichtshalber anmerke) schon das ewige er/sie, das ich in Anzeigen aus formalen Gründen verwenden muss.

Frage-Nr.: 177
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-10-23

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