Heiko Mell

„Und plötzlich war ich draußen …“

Antwort:

Mehr oder minder überraschend hereinschneiende Kündigungen aus mehr oder minder rein betrieblichen Gründen sind in diesen Tagen derart üblich, dass kaum jemand völlig sicher sein darf, unter allen Umständen zu den Nichtbetroffenen zu gehören.

Neben der allgemeinen Gefährdung gibt es aber noch eine individuelle. Die Analyse zahlreicher Fälle zeigt, dass man durchaus eine Chance hat, sein persönliches Gefährdungspotenzial vorher abzuschätzen – und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Allzu oft heißt es hinterher: „Ich hätte nie gedacht, dass es auch mich treffen könnte.“ Wer so spricht, hat Risiken falsch eingeschätzt – ein Fehler, der teuer zu stehen kommt. Und als allgemeine Warnung: Die späteren Hinweise auf „fehlende Sozialpunkte“, die man in Bewerbungen so gern anführt, um die individuelle Katastrophe zum unabwendbaren Ereignis umzudeuten, haben auch nur begrenzt Gewicht. Schließlich wird kaum ein Unternehmen seine besten Leute zuerst entlassen, denkt so mancher Bewerbungsempfänger.

Nach meiner Erfahrung sollten Sie sich besonders intensiv mit einer möglichen Gefährdung beschäftigen, wenn einer der folgenden Punkte bei Ihnen zutrifft. Gilt das für zwei, steigt das Risiko rasant an:

 

1. Berücksichtigen Sie neben der aktiven Gefährdung vor allem auch die „passive“: Wenn es Sie trifft, wie groß ist dann Ihre Chance, auf dem Markt schnell und problemlos wieder unterzukommen (Alter, extrem lange Betriebszugehörigkeit, eine hochspezielle, nur aus der internen Situation heraus verständliche Laufbahn, alte „Werdegang-Leichen“ im Keller etc.).

 

2. Je länger Sie Ihren heutigen Job ausüben (mehr als fünf Jahre), desto weniger aufgeschlossen reagieren Sie auf die heute allfälligen sachlichen und personellen Veränderungen – und kommen dann leicht „auf die Liste“. In Zeugnissen steht heute beispielsweise als positiv gemeinte Aussage oft „… stand er Veränderungen und Neuheiten stets positiv und aufgeschlossen gegenüber“. Wer eine Tätigkeit zehn Jahre in kaum veränderter Weise ausübt, springt nicht mehr begeistert auf einen Zug, auf dem „anders“ steht. Achtung: Es wird gefordert, veränderungsbereit zu sein – es wird nicht gefordert, dass diese Veränderungen auch zu besseren Lösungen führen müssen! So wie „Reform“ gut klingt, egal wohin sie führt (ja, auch diese Berufswelt ist ein bisschen verrückt).

 

3. Je mehr Erfahrungen und Kenntnisse Sie in Ihrer Tätigkeit sammeln, desto unangreifbarer fühlen Sie sich, desto eher setzen Sie sich – gerade in Fachfragen – gern und oft auch mit Ihrem Chef auseinander. Bedenken Sie: Bei Auseinandersetzungen mit dem Chef ist dieser zugleich Schiedsrichter! Oder anders: Sich für allwissend zu halten, heißt, dass man aufhört, um die eigene Existenz im Betrieb zu kämpfen. Und das ist der Einstieg in Verhandlungen über einen Aufhebungsvertrag.Konkret: „Ich bin dort unersetzlich“ ist extrem gefährlich und oft eine Fehlentscheidung. Mit „Meine Chefs halten mich für unersetzlich“ sind Sie auf der richtigen Seite.

 

4. Je stärker Sie auf Verdienste um dieses Unternehmen in der Vergangenheit vertrauen, desto falscher liegen Sie. „Dieser Mann hat damals durch seinen Einsatz/seine Entwicklung/seine Kundenkontakte die Firma gerettet“, das schützte früher noch zwanzig Jahre später vor Entlassungen. Heute gilt: Erfolge/Verdienste in der Vergangenheit sind mit dem Gehalt von damals abgegolten. Behalten wird, wer in der Zukunft gebraucht werden könnte. Wenn Sie also „die Firma retten“, dann bitte etwa einmal jährlich, sonst nützt es in dieser Hinsicht nichts.

 

5. Jede tiefgreifende Veränderung ist Chance und Risiko zugleich. Dabei gilt: Chance vor allem für diejenigen, die noch nichts sind und haben, Risiko vor allem für Etablierte mit Hierarchiepositionen. Anstehende Umstrukturierungen, Abbau von Führungsebenen sowie Verkauf/Fusion des Unternehmens, neue Ausrichtung der Geschäftsstrategie sind typische Beispiele für Vorhaben des Unternehmens, die Ihre Existenz dort gefährden können.

 

6. Von manchen Maßnahmen im Hause erfährt man erst, wenn sie beschlossen wurden. Andere wiederum hätte man seit Monaten, manche seit Jahren kommen sehen können: Wenn der Umsatz und/oder der Ertrag ständig zurückgehen ist klar, dass etwas geschehen muss. Also sollte man sich zumindest darauf vorbereiten, kurzfristig handeln zu müssen.Es ist optimal und also anzustreben, dass der Angestellte so denkt wie sein Arbeitgeber. Firmen aber müssen(!) Bedrohungen langfristig und rechtzeitig voraussehen und erkennen – und dann gezielt und entschlossen handeln. Der Angestellte desgleichen. „Trantüten“, die stets nur den Kopf in den Sand stecken, abwarten und hoffen, so schlimm werde es schon nicht kommen, passen nicht mehr zu modernen, nach Visionen handelnden und schnell reagierenden Unternehmen.

 

7. Einen Höhepunkt der Gefährdung erreichen Sie, wenn Sie selbst entscheiden, was die Firma glücklich macht bzw. ihrem Wohl am besten dient. Dafür sind Ihre Vorgesetzten zuständig – auch wenn die im Detail falsch liegen sollten. Machen Sie die glücklich – die Firma muss selbst darauf achten, nur geeignete, also nur die „richtigen“, Leute auf Chefpositionen zu setzen. Das ist nicht Ihr Job, jedenfalls nicht für die Ebenen über Ihnen.

 

8. Die gesamten sozialen Beziehungen zwischen Menschen beruhen auf dem Grundprinzip: Wen ich mag, der mag mich auch, wen ich nicht leiden kann, der kann mich auch nicht leiden (Ausnahmen im Detail bestätigen die Regel). Je mehr Chefs, Kollegen und eventuell unterstellte Mitarbeiter Sie verachten, ablehnen oder gar hassen, desto mehr Ablehnung schlägt auch Ihnen aus diesem Kreis entgegen. Das aber kann in kritischen Situationen den Ausschlag geben, sich von Ihnen zu trennen.

 

9. Seien Sie nicht blind gegenüber Ihrer Umwelt und Ihrer Situation innerhalb derselben: Wenn Ihr Chef Ihnen an Ausbildungsqualifikation oder Facherfahrung unterlegen ist, Sie einziger Physiker unter Ingenieuren oder junger Leiter eines alten Teams sind, ist Vorsicht angesagt. Es haben mehr Leute Minderwertigkeitskomplexe als Sie denken, Gruppen neigen zur Nivellierung auf Durchschnittsstandard, „anders“ zu sein ist immer gut für Ablehnung und Ärger.

 

10. Firmen haben kein kollektives Gedächtnis. All Ihre Verdienste, Ihre informelle Position im Unternehmen, Ihre Privilegien, Ihr Status in der Abteilung sind „weg“, wenn der Vorgesetzte wechselt. Schlimmer noch: Was der alte Chef gut fand (Arbeitsstil, fachliche Richtung), kann der neue engagiert ablehnen. Mitunter ist es, als wechselten Sie die Firma, seien Sie also vorsichtig.

Es kann sein, dass der neue Vorgesetzte letztlich erwartet, dass Sie genau in die entgegengesetzte Richtung „marschieren“, die der alte vorgeschrieben hatte. Es wurde erwartet, dass Sie dem alten Chef nach „Norden“ folgten (begeistert!), es wird nun erwartet, dass Sie dem neuen nach „Süden“ folgen (begeistert!). Im Normalfall begründet die neue Führungskraft ja den Richtungswechsel – dann lassen Sie sich eben überzeugen (und fragen Sie sie bitte nicht: „Ja, waren wir denn gestern alle Idioten?“, seien Sie einfach begeistert, das reicht völlig – vielleicht hat er ja auch nur bindende Vorgaben von seiner vorgesetzten Dienststelle mit auf den Weg bekommen).

Nun erst einmal genug der konkreten Gefährdungen. Erkennen Sie einige davon bei sich, sind Maßnahmen angesagt. Diese umfassen die breite Palette von der Verhaltensänderung bis zur Vorbereitung des rechtzeitigen Absprungs als Vorbeugung. Wenn es Sie schon trifft, dann sollten Sie wenigstens nicht sagen müssen: „Nie hätte ich gedacht ….“, das zeugt nicht von Vorausschau und kluger Risikoabwägung.

Eines Ihrer Risiken ist übrigens systemimmanent: Sie haben in der Regel einen Vertrag, bei dem von Anfang an(!) eingeplant ist, dass einer der Partner eines Tages sagt: „Ich kündige ihn jetzt.“ Nur wenn Ihr Ehepartner Sie verlässt, dürfen Sie überrascht sein: Der hatte irgendwie geschworen „… bis dass der Tod uns scheidet“. Ihr Arbeitgeber ist jedoch nur Lebensabschnittsgefährte.Wie schon des öfteren bei solchen Themen, will ich noch ein tröstendes Wort an empfindsame Gemüter und/oder jüngere Leser richten. Diese könnten denken: Wenn dieser Autor Recht hat, herrscht da draußen Krieg und man kann täglich „erschossen“ werden. Dazu ist zu sagen:

a) Der Autor ist ziemlich sicher, dass er Recht hat.

b) „Krieg“ wäre übertrieben, „Kampf“ jedoch stimmt schon.

Aber bitte beachten Sie: Selbst in einem wirklichen Krieg wird der einzelne Soldat nicht täglich beschossen! Es vergehen Wochen, Monate und Jahre, für sehr viele Uniformträger vergehen ganze Weltkriege, ohne dass sie je unter Beschuss gelegen hätten. Auch ist die Zahl der Toten absolut gesehen erschreckend hoch, im Verhältnis zum Munitionsverbrauch jedoch geradezu verschwindend gering. Das galt schon für die Feldzüge Alexander des Großen wie für die Napoleons. So liegen auch zwischen einzelnen Phasen akuter Gefährdung im Berufsleben zwei, fünf, manchmal siebzehn Jahre harmonischer, erfüllender Tätigkeit ohne feindliches „Feuer“. Und einige gehen in Pension, ohne je verstanden zu haben, wovon ich hier spreche resp. schreibe.

Aber die Quote der Glückseligen nimmt ab – und Sie dürfen nicht damit rechnen, dass nie auf Sie „geschossen“ wird, wenn Sie „Soldat“ als Beruf erwählen.Und so ist der Beruf wie der Rest des Lebens auch. Es macht zwischendurch viel Spaß und erfüllt Sie, aber alle paar Jahre schlägt das Schicksal zu: Hier ein Todesfall im Umfeld, dort eine Krankheit der eigenen Person, dann wieder eine menschliche Enttäuschung im Gefühlsbereich. Aber deswegen darf man doch dazwischen das Leben genießen – muss aber auf Tiefschläge vorbereitet sein.

Kurzantwort:

Mehr oder minder überraschend hereinschneiende Kündigungen aus mehr oder minder rein betrieblichen Gründen sind in diesen Tagen derart üblich, dass kaum jemand völlig sicher sein darf, unter allen Umständen zu den Nichtbetroffenen zu gehören.

Frage-Nr.: 173
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-09-25

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