Heiko Mell

Fehler trotz drei Kontrollen?

Auf der Rückseite meines Briefes habe ich Ihnen eine Stellenanzeige der Beratungsfirma XY für die Personalsuche eines „Mittelständigen Unternehmens der Textilindustrie“ aufgeklebt. Sie stammt aus den VDI nachrichten vom …
Offenbar haben weder die Personalabteilung des suchenden Unternehmens, das die Anzeige ja wohl so akzeptiert haben muss, noch der Texter der Beratungsfirma diesen sinnentstellenden Fehler bemerkt.

Ich habe zur Sicherheit noch einmal im Rechtschreib-DUDEN – mit den neuen Rechtschreibregeln – nachgesehen: „mittelständisch = den Mittelstand betreffend; mittelständig = Botanik …, mittelständige Blüte“.

Wie soll ein armer PISA-geschädigter Abiturient(?) als junger Mensch diese feinen Unterschiede bemerken, wenn selbst im Text einer Stellenanzeige, die drei Kontrollstationen durchlaufen haben müsste, solche groben Schnitzer passieren? Da hilft wohl nur Ihre Zeitungsserie und die Erfahrung, dass man sich eine blutige Nase holt, wenn man seine wichtigen Briefe nicht auch von seinen Eltern oder erfahrenen, älteren Freunden gegenlesen lässt.Im übrigen auch meine herzliche Anerkennung für Ihre Arbeit! Ich lese Ihre Rubrik zum Spott meiner Frau seit mehr als zwanzig Jahren meist immer zuerst. Und mein Zeitungsexemplar wird – offenbar auch wegen eben dieser Rubrik – gern von einem befreundeten Pfarrer und seinen Freunden gelesen.

Auch bei meinen beiden Söhnen – Elektro- bzw. Maschinenbau-Ingenieure – haben Ihre Artikel die notwendige Sensibilität bewirkt. Ich lese Ihre wichtigen Papiere gelegentlich immer wieder einmal zur Kontrolle & Kritik. Ganz freiwillig werden sie mir überlassen, weil wir das trotz ihrer Selbstständigkeit (beide sind über 30) einfach für wichtig halten!

Also nicht verzagen – Sie tun den jungen Leuten einen unschätzbaren Dienst!

Antwort:

Ich bin, meine Frau wird das sofort bestätigen, nicht immer und überall nur lieb und nett. Und ich kann nicht anders, verzeihen Sie mir also. Aber das Prinzip muss hochgehalten werden. So gilt stets: Auch wer mich lobt, ist nicht gegen (nie böse gemeinte) Seitenhiebe gefeit.

Achten Sie darauf, dass Ihre Frau Gemahlin diese Ausgabe nicht in die Hand bekommt – sonst hören Sie sich einen der berühmten Ehepartner-Sätze an, die mit „Siehste, das hast du nun davon“ anfangen.

Und nun hübsch der Reihe nach:

„Mittelständig“ im Zusammenhang mit Unternehmensbeschreibungen bei einer ganzen Ingenieurgeneration ausgemerzt zu haben, dürfte sich letztlich wohl als dasjenige meiner Verdienste erweisen, das ganz und gar unbestritten ist. Das wäre dann doch auch schon etwas!

Die inserierende Beratung Ihres Beispiels sucht mit dem angesprochenen Inserat zwar einen Refa-Techniker – es muss aber in dem auftraggebenden Unternehmen nicht zwangsläufig Ingenieure geben. Und nur weil jene Personalberatung in dieser Zeitung inseriert, muss sie dieselbe ja nicht lesen – vielleicht rauscht meine ganze Aufklärung an diesem Hause vorbei.

Man könnte daraus fast eine Werbekampagne der VDI nachrichten ableiten, die auch auf „Kaufleute“ abzielt. Aber das ist Sache des hauseigenen Vertriebs, nicht irgendwelcher Außenseiter-Autoren.

Nun ernsthaft zum Thema (ich muss ja auch meinem Image gerecht werden):

1. In der Sache haben Sie Recht, genau so werden „mittelständisch“ und „mittelständig“ definiert. Als Spezialist für Lebenshilfe liefere ich eine Eselsbrücke: „Botanik = mittelständig“ (gesprochen klingt es nicht so grausam wie es geschrieben aussieht).

2. Ich glaube nicht, dass wir es hier überhaupt mit Rechtschreibproblemen zu tun haben (Ihre Briefüberschrift lautet „Rechtschreibung in …Stellenanzeigen“). Das Wort „mittelständig“ ist richtig geschrieben – es gehört da bloß nicht hin. Keine Rechtschreibprüfung der Welt schützt dagegen.

3. PISA hat niemanden geschädigt. Keinem Abiturienten ist dadurch irgendetwas geschehen. PISA ist hingegen (eigentlich PISA-Studie) die Bezeichnung einer Untersuchung, mittels derer Lücken u. a. in der sprachlichen Bildung unserer Kinder aufgedeckt wurden.

4. Ihre „drei Kontrollstationen“ gibt es nicht. Nehmen wir zuerst die letzte, die „Setzerei“ der VDI nachrichten. Kann sein, dass es noch rudimentäre Reste davon gibt, aber das Stellenanzeigengeschäft läuft schon lange völlig anders:

Spezialisierte Fachagenturen für Stellenanzeigen setzen an speziellen Computern (meist Macintosh) mit spezieller Software (z. B. QuarkXPress) die Anzeige 1:1 so, wie sie später abgedruckt wird – mit Logo, Schriftgrößenfestlegung, eingebauten Bildern etc.

Die entsprechenden Daten werden dann per ISDN-Leitung (Programm: Leonardo) an die Anzeigenabteilung der Zeitung gesendet. Letztere baut nur noch die Seiten zusammen, greift aber ins Bild der Anzeige oder gar in den Text überhaupt nicht mehr ein. Die Zeitung kann also für Druckfehler o. ä. in Anzeigen in der Regel gar nichts mehr (etwa wie: „Den Inhalt der Werbespots zur Bundestagswahl verantworten die Parteien“).

Natürlich sollte eine solche Fachagentur derartige Fehler erkennen. Aber dann gibt es knauserige Kunden, die kennen nur das Wort „billig“ und handeln, drücken die Preise und drohen, bis jede Rendite ruiniert ist. Sie geben oft auch den selbstgefertigten Text verbindlich vor, wollen von der Agentur keine Denkarbeit mehr und schließen mittels der von ihnen geforderten „Prozente“ auch den Einsatz hochqualifizierter Mitarbeiter aus. Also wird jemand, der gerade so eben den Computer bedienen kann, an den Auftrag gesetzt, um die „verbindliche Textvorgabe“ des Kunden in das vorgegebene Layout umzusetzen.

Ob der eigentliche Auftraggeber, das suchende Unternehmen, den fertigen Text noch einmal sieht, ist offen. Dort könnte man auch dem Berater vertrauen, den man aus jahrelanger Zusammenarbeit kennt – man macht ihm Vorgaben und überlässt ihm die verantwortliche Umsetzung.

Die Beratung hat jedoch keine Ausrede mehr: Was unter ihrem Namen erscheint, muss sie kontrollieren. Vielleicht hat sie, kannte aber den Trick mit „Botanik = mittelständig“ nicht.Selbstverständlich kann so etwas immer passieren – auch mir oder meiner Firma.

Ich leiste mir diese Ausführlichkeit, weil ich glaube, dass für die Leser ein umfassendes Wissen über Stellenanzeigen nur nützlich sein kann. Und sagen wir es einmal so: Besser in der sprachlichen Qualität als Bewerbungen sind Stellenanzeigen grundsätzlich schon.

Amüsante Frage am Rande: Was macht ein Bewerber, der nun auf dieses Inserat hin antwortet? Übernimmt er den Fehler, um den potenziellen Arbeitgeber nicht zu düpieren, korrigiert er und zeigt dadurch sprachliche Kompetenz? Oder schenkt er denen einen DUDEN?

Antwort:Entweder vermeidet er das fragliche Wort ganz oder er schreibt es kommentarlos einfach richtig.

5. Sie lesen meinen Beitrag „meist immer“ zuerst – eine hübsche Wortkombination, die so eigentlich nicht „geht“.

6. Dann lesen Sie bitte Ihren drittletzten abgedruckten Satz noch einmal sorgfältig: „Ich lese Ihre wichtigen Papiere …“ Da habe ich schon geschluckt: „Ihre“ Papiere in Ihrem Brief an mich sind meine Papiere. Wie kommen Sie da dran? Aber dann ergab sich schließlich aus dem Satz davor, dass es „ihre Papiere“ hätte heißen müssen – es waren die der Söhne gemeint. So entstehen missverständliche Fehler!

Aber gefreut habe ich mich über Ihre Anerkennung sehr, besonders über den Pfarrer, den hatten wir noch nicht. Und niemand muss befürchten, dass seine Zuschrift hier jedesmal derart „unter die Lupe“ genommen wird. Aber wenn jemand eigentlich nur schreibt, um mir zu zeigen, was eine (andere) Beratung für böse Fehler macht, dann schien es mir gerechtfertigt zu sein, bei der Gelegenheit zu zeigen, wie leicht so etwas passiert und wie gläsern die Häuser sind, in denen wir sitzen (und es stand „Oberstudiendirektor“ in Ihrem Briefkopf – und plötzlich war ich wieder Schüler, der es dem Lehrer zeigen konnte …).

Ich lebe im Rheinland, ziehe den Kopf ein und vertraue auf die Kölner Lebensweisheit, es sei noch immer gutgegangen (kenne aber auch die Geschichte mit dem Krug, der so lange zum Wasser …). Heißt es nicht auch, ein guter Theaterkritiker müsse selbst gar nicht schauspielern können? Dann bin ich ja fein raus …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1711
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-11-15

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