Heiko Mell

Kollateralschäden

Liebe junge Akademikerin, lieber junger Akademiker, da haben Sie nun eine – halbwegs – erstklassige Schulbildung, studiert und über ein für Laien kaum aussprechbares, geschweige denn verständliches Thema eine längere Diplomarbeit geschrieben. Vielleicht haben Sie dann auch noch promoviert – weitere drei bis fünf Jahre in anspruchsvoller Umgebung mit anspruchsvollen Themen und deren wissenschaftlicher Vertiefung verbracht und Ihre geistigen Fähigkeiten geschult. Und es ist oft eine Freude, mit Ihnen Vorstellungsgespräche zu führen. Weil Ihre erkennbare Intelligenz, Ihr Brennen auf Bewährung in der Praxis und Ihr Optimismus zusammen einen guten Gesamteindruck ergeben, von Ihren erworbenen fachlichen Grundlagen ganz zu schweigen.Insofern sind Sie wie ein Schütze, dem man beigebracht – oder der die Fähigkeit erworben – hat, seine Waffe zu heben und sein Ziel zu treffen. Aber, und das ist ein Problem, das Ziel zu treffen ist noch nicht alles! Einem Jäger z. B. wird in seiner Ausbildung sehr sorgfältig beigebracht, das man nicht etwa nur einseitig und ohne Rücksicht auf Verluste an seine Aufgabenstellung herangehen darf: „Hirsch sehen, Gewehr hoch, Hirsch tot und fertig“ – das reicht absolut nicht. Vor dem Schuss(!) ist u. a. sehr sorgfältig zu prüfen, ob im Schussfeld nicht irgendwelche „Nebenziele“ sind, die man ja auch „erwischen“ könnte. Harmlose Wanderer, Pilzsammler, Waldarbeiter oder Oberförster, beispielsweise. Und zwar solche, die man sieht und vor allem solche, die man nicht sieht, die aber in Schussrichtung denkbar sind, weil etwa hinter dem Gebüsch ein Wanderweg vorbeiführt.

Von solchen denkbaren „Kollateralschäden“ (wie es nun nicht die Jäger, aber wiederum die Militärs nennen) haben Sie, liebe Schützinnen und Schützen, offensichtlich nie gehört. Also ballern Sie Ihre Aussagen ins Gespräch wie ein durch die Prüfung gefallener Jägeranwärter seine Schrotladungen ins Gebüsch hätte schießen wollen. Nein, Sie ballern nicht nur in ein Gebüsch, auch noch in bester Absicht.

Sie wollen jetzt Beispiele. Warum eigentlich? Bei Ihren geistigen Fähigkeiten sollte man eigentlich eine Denksportaufgabe daraus machen. Aber natürlich bekommen Sie dann doch Ihre

Beispiele:

1. Sie werden angesprochen auf eine schlechte Abiturnote: „Nun, man konzentriert sich in dem Alter ja nicht nur auf die Schule, da teilt man seine Energie eben auf.“Kollateralschaden: „Man“? Wer ist „man“? Der Gesprächspartner hat damals auch nach Mädels geschaut und Bier getrunken und Wind gesurft. Aber er ist mit 130 % gefahren und hat zusätzlich hervorragende Noten. Indem Sie Ihre Verluste sozialisieren („alle tun das“), um sich reinzuwaschen, beleidigen Sie ihn oder seinen Sohn(!), der gerade in der Situation steckt. Also: „Ich war faul!“

 

2. Berufliches Langfristziel? Sie antworten wie aus der Pistole geschossen: „Eines Tages, wenn ich die Leistung zeige, will ich Vorstand werden.“Nebenwirkung a: Sie sagen das zu einem fast 60-jährigen Bereichsleiter. Auf den wirkt es als hätten Sie gesagt: „Nun, auf jeden Fall will ich mehr werden als du je erreicht hast und je erreichen wirst.“ Das betrübt ihn.

Nebenwirkung b: Wenn das eine GmbH ist, hat die gar keinen Vorstand. Also haben Sie sinngemäß gesagt: „Bei dem Saftladen hier bleib ich ohnehin nicht lange.“ Das betrübt Ihren Gesprächspartner irgendwie auch.

 

3. Aus Gründen, die nichts mit der Moral, aber mit zu erwartenden Umzugsproblemen u. a. zu tun haben, werden Sie nach dem Familienstand („ledig“) gefragt und dann, ob Sie mit jemanden zusammenleben, der also auch seinen Wohnort wechseln müsste. Sie antworten: „Ja, es gibt da eine Person.“Schon rattern die „Zahnräder“ im Kopf des Gegenüber. „Einen Mann“, hätte im Normalfall eine Frau, „eine Frau“, hätte im Regelfall ein Mann geantwortet. „Eine Person“ soll wohl zart andeuten, dass dem nicht so ist. Schön, der Papst ist dagegen, aber sonst? Alles in Ordnung so weit, der künftige Chef mag das nun mögen oder nicht, das muss er selbst entscheiden.

Drei Sätze später ergibt sich aus einer anderen Antwort, dass jene „Person“ durchaus dem – wie sagt man das korrekt? – Regelfall entspricht und schlicht dem anderen Geschlecht angehört. Warum dann „Person“? „Was haben Sie sich dabei gedacht?“ Na, was schon: „Nichts.“ Man erschießt aber keinen Oberförster und hat sich nichts dabei gedacht. Man denkt hingegen immer. Permanent. Kontinuierlich. Stets. Überhaupt in wichtigen Gesprächen. Man hat als Akademiker niemals nichts gedacht.

 

4. Die junge Dame ist kompetent, nett, engagiert, promoviert, macht einen jener seltenen rundum tadellosen Eindrücke.Im Gespräch ergibt sich, dass da ein Mann ist, der dann am neuen Wohnort einen neuen Job brauchte – aber das sei kein Problem. Weil, er sei „im Hotel- und Gaststättengewerbe“ (ich weiß, dass man „weil“ so nicht gebraucht, aber hier passt es so schön).Hm. Wer nur A sagt, riskiert, dass der Gesprächspartner über B spekuliert. Ich bin so einer. Und schon ist der Gedanke da: „Oberkellner mit südländischem Charme – und ihr ist es peinlich.“ Weil, sonst reden die Damen ja gern über ihren Freund.

Aber wozu ist man über dreißig Jahre lang Berater: Die Leute sagen nicht, was als Ergebnis eines Denkprozesses gelten kann, sie ballern ihre Aussagen erst ins Gebüsch und sagen „huch“, wenn dort jemand präsent gewesen ist. Also frage ich. Nachsichtig, weil (diesmal richtig gebraucht, keine dichterische Freiheit mehr) sie meine Tochter sein könnte und auch von sich selbst immer als „Mädel“ spricht („Mädel, hab ich zu mir gesagt …“). „O nein“, sagt sie, „er ist Geschäftsführer.“ Kleiner Kollateralschaden, sonst nichts. Aber mit „1“ promoviert.

 

5. Er ist Ingenieur. Auch mit Promotion, auch hochintelligent. Trifft sich gut, genau das wollten wir. Aber, sagt er, eigentlich wollte er Arzt werden. Ging aber irgendwie nicht, Abitur war nicht gut genug oder so.

„Hiermit teile ich Ihnen mit, dass der Ingenieurberuf für mich nur zweite Wahl ist“, sagt dieser Bewerber also und will eine Position mit vollem Gehalt und das Wohlwollen eines Chefs, der natürlich auch Ingenieur ist. Vielleicht sogar aus Leidenschaft. Da freut der sich doch gleich doppelt. Und – wie immer in solchen Fällen – nicht nur über die verkündeten Tatsachen, sondern auch über den Mangel an taktischem Geschick, das da gezeigt wird.

 

6. Nach dem Grund für die Wahl seiner Fachrichtung sagt er: „Na auf keinen Fall wollte ich BWL machen, das macht ja jeder, dem nichts einfällt.“Das hat sich der Zuhörer auch schon gedacht; aber da er – Personalchef – sich selbst so entschieden hatte und jetzt sogar seine Tochter, fühlt er sich fast ein wenig angegriffen. Das ist einer der möglichen Wege, das Wohlwollen von Entscheidungsträgern zu erringen: Motzen Sie den Kerl an, machen Sie ihn klein oder fertig.

 

7. Und dann war da noch der Satz in einem Brief an mich mit der dringenden Bitte um (kostenlose) Hilfe: „Ich lese Ihre Tipps in der Karriereberatung regelmäßig, von denen mir einige als durchaus brauchbar erscheinen.“Aber, so lese ich heraus, viel taugt das insgesamt nicht. So etwas motiviert mich dann ganz ungemein.

Und die Moral von der Geschichte: Ganz kurz bevor man etwas tut, denkt man. Letzteres hat man ja schließlich nun lange genug trainiert. Es kann doch kein Geheimnis sein, dass ein Oberförster in jenem Busch stehen könnte, in den man mit dem Gewehr hineinzielt.

Es geht bei all diesen Beispielen nicht darum, wie „schlimm“ die unbedachten Äußerungen jeweils waren. Es geht dabei um die Frage: Was tut der Bewerber als Nächstes, im Job? So wie der Polizist von mir nicht hören will, es sei ja niemand von der Seite gekommen, als ich das rote Ampelsignal überfuhr. Auch wenn gar nicht in jedem Gebüsch ein Pilzsammler steht: Nachschauen müssen Sie im Zweifelsfall dennoch. Oder damit rechnen, dass da einer sein könnte.

 

Frage-Nr.: 171
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-09-12

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