Heiko Mell

Und der Preis bleibt geheim!

Antwort:

In einer Marktwirtschaft ein – vorsichtig gesagt – ungewöhnlicher Vorgang: Ein Verkäufer, der ein Geschäft machen will, ziert sich, seinen Preis zu nennen.

Dabei ist es keine Frage: Leistung und Preis stehen in engster Beziehung zueinander – und die beste Leistung kann durch zu hohe Forderungen uninteressant sowie durch zu niedrige unglaubwürdig werden. Jeder Profi weiß das und handelt danach. Nie käme er auf die Idee, sich gegenüber einem potenziellen Käufer zu zieren. Das gilt bei Angeboten für ganze Zementwerke ebenso wie beim Gebrauchtwagenhandel.

Nur die „Amateure“ auf Bewerberseite versuchen, ein Drama aus dieser schlichten Selbstverständlichkeit zu machen – und weigern sich gelegentlich, Informationen zum Gehalt zu geben. Ob die sich wohl im Supermarkt den Einkaufswagen mit „Sonderangeboten“ füllen würden, wenn alle Preisangaben fehlten?

Dabei gibt es keinerlei Zweifel: Für einen Angestellten ist seine Gehaltsgrößenordnung ein ebenso unverzichtbarer Baustein innerhalb der Gesamtqualifikation wie sein Alter, seine Ausbildung oder die heutige Tätigkeit.

Wer über Bewerbungen entscheidet, will seine Zeit nicht vergeuden. Letzteres droht jedoch, lädt man einen Kandidaten ein, der nach 1,5-stündigem Gespräch erstmals erklärt, er verdiene heute 180.000,- EUR, während die angestrebte Position nur ca. 150.000,- EUR erlaubt. Wem nützt diese beiderseitige Zeitvergeudung?

Aber man kann Bewerber auch mit ihren eigenen Waffen schlagen: „Meine Gehaltsvorstellung nenne ich, wenn ich nähere Details zur Aufgabe kenne, erst dann kann ich meine Vorstellungen präzisieren“, schreibt so jemand beispielsweise. „Es ist schön, dass Sie uns gewarnt haben. Wenn Sie eine große, umfassende Aufgabe bekommen, werden Sie also teuer. Wir werden daher überlegen, Ihnen einige Kompetenzen und unterstellte Mitarbeiter wegzunehmen, dann werden Sie ja offensichtlich für uns billiger“, antworte ich. Noch jeder Gesprächspartner hat dann etwas säuerlich gelacht und gemeint, so sei das auch nicht zu verstehen. Ja wie denn?

Natürlich fällt es Amateuren schwer, vorab Preise für ihre Leistung zu nennen (Selbstständigen bleibt überhaupt keine Wahl). Aber das heutige oder zuletzt bezogene Jahresgehalt ist doch ein Faktum, das auf Befragen angegeben werden muss (sonst stellt man den Kandidaten eben nicht ein). Also nennen Sie schlicht diesen Betrag. Die Angabe reicht dem Bewerbungsempfänger auch dann, wenn z. B. im Inserat ausdrücklich nach „Einkommensvorstellungen“ gefragt worden war. Aber so manche Einladung zum Vorstellungsgespräch unterblieb, weil der Bewerber Angaben zum Preis seines Angebots verweigert hatte.

Kurzantwort:

In einer Marktwirtschaft ein – vorsichtig gesagt – ungewöhnlicher Vorgang: Ein Verkäufer, der ein Geschäft machen will, ziert sich, seinen Preis zu nennen.

Frage-Nr.: 169
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-08-24

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