Heiko Mell

Chefs sind immer objektiv (subjektiv gesehen)

Antwort:

Chefs sind auch nur Menschen. Ich bin nicht wirklich stolz auf diese banale Erkenntnis, aber es kann nicht schaden, sich diese unbestreitbare Tatsache immer wieder vor Augen zu halten.Menschen nun sind überhaupt niemals objektiv. Chefs hingegen halten sich für die Objektivität in Person. Da alle diese Aussagen unbestreitbar richtig sind, aber absolut nicht zusammen passen, wird deutlich: da knirscht es irgendwo im Getriebe.

Fangen wir mit der Objektivität der Vorgesetzten an. Die ist so fest in ihrem Bewusstsein verankert, da können Sie Häuser darauf gründen. Ich spreche oft mit Managern über ihre Mitarbeiter, über deren Qualifikation, Leistung, Stärken und Schwächen. Das Urteil ist jeweils klar, eindeutig, gefestigt, wird sicher vorgetragen und ohne anklingenden Zweifel formuliert. Da ist kein Raum für irgendein „Ich halte ihn für…“ oder ein „Ich habe den Eindruck, er …“. Nein, die Aussage steht zu jedem Detail wie der Fels in der Brandung: „Er ist …“ Kein Gedanke an die Möglichkeit einer subjektiv gefärbten Beurteilung, geprägt durch ja letztlich stets sehr subjektive Maßstäbe – hier geht es ausschließlich um objektive Wahrheiten schlechthin. In den Augen des Chefs.

Wer mit Vorgesetzten umgeht, muss sich darauf einstellen. Sonst versteht er sie nicht oder gerät zwangsläufig mit ihnen aneinander. Und das gilt auch, wenn man als unterstellter Mitarbeiter selbst Führungskraft ist.

Vermutlich sind aus diesem Grund Diskussionen mit Chefs über Fehler, Schwächen oder Versäumnisse nachgeordneter Angestellter so schwierig – vor allem dann, wenn man als Betroffener in eigener Sache mit ihnen diskutiert. Wenn jemand „weiß“, dass es jetzt regnet, nicht etwa zu wissen glaubt, dann hat man wenig Chancen, mit dem Argument durchzudringen, eigentlich regne es gar nicht, in Wirklichkeit scheine die Sonne.

Für den Mitarbeiter heißt das: Wenn der Chef erst einmal „weiß“, dass es Ihnen an Kreativität mangelt oder Sie zu langsam arbeiten, dann braucht es unendliche Mühe und Jahre an Zeit, ihn davon wieder abzubringen. Ein paar Gegenargumente im Gespräch erschüttern für objektiv gehaltene Wahrheiten nicht, da haben Sie keine Chance.

Sofern also in Ihrer – ebenfalls subjektiven, ebenfalls für objektiv gehaltenen – Wahrnehmung jetzt „die Sonne scheint“, dann wenden Sie besser nennenswerte Energie auf, um den Chef gar nicht erst zu der „Erkenntnis“ gelangen zu lassen, an Ihrem Arbeitsplatz regne es. Stets nur auf hohem fachlichen Niveau still vor sich hinzuarbeiten, reicht – wieder einmal – nicht aus, so 5 bis 10 % Ihrer Zeit auf rechtzeitige Imagepflege in eigener Sache zu verwenden, ist durchaus nicht falsch. Also wehren Sie den Anfängen und achten Sie rechtzeitig darauf, welches Urteil sich bei Ihrem Chef da so „zusammenbrauen“ könnte.

Vorgesetzte denken übrigens nicht aus Bosheit so. Diese Haltung entwickelt sich früher oder später aus dem Amt. Wenn man sich als Mitarbeiter rechtzeitig darauf einstellt, kann man damit fertig werden. Es ist eben im Kleinen wie im Großen: Auch die Automobilhersteller müssen damit leben, dass ihre Kunden – natürlich – objektiv wissen, dass A-Autos besser sind als solche von B. Und dass die von C viel zu schnell rosten. Das lässt sich ein Käufer genau so schwer ausreden wie Ihr Chef, der Ihre Arbeitskraft „gekauft“ hat, sich Ihre fehlende Kreativität ausreden lässt – wenn er einmal auf diesem „Trip“ ist. Also seien Sie wachsam …

Kurzantwort:

Chefs sind auch nur Menschen. Ich bin nicht wirklich stolz auf diese banale Erkenntnis, aber es kann nicht schaden, sich diese unbestreitbare Tatsache immer wieder vor Augen zu halten.

Frage-Nr.: 165
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-03-07

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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