Heiko Mell

Arroganter Übervater?

Leser A: Endgültiger Auslöser dieses Schreibens war die Frage 1.515, die Sie wie immer als „Übervater“ der Ingenieurszunft in gewohnt arroganter und absolut überheblicher Art und Weise nicht beantwortet haben. Als Einstieg, lieb gewordener Standard, eine kleine ultimative Lobhudelei an sich selbst: „Vielleicht habe ich ja einen unbewussten Hang zum Elitären und ziehe Genies an wie das Licht die Motten.“ Wenn das wenigstens jemand anderes über Sie schreiben würde, wäre es ja eventuell noch erträglich, so wird mir an diesen Stellen immer das erste Mal schlecht.

Die Frage, die mich aber wirklich immer wieder aufregt beim Lesen Ihrer „Ratschläge“ ist, welches Menschenbild Herr Heiko Mell wohl haben mag. Ich vermute bzw. befürchte, denn wir wollen hier ja keine Grundlage für einen möglichen Rechtsweg legen, dass Ingenieure nach Auffassung von Herrn Heiko Mell per Definition zur elitären Kaste unserer Gesellschaft gehören. Und wer es schafft, dank den „Ratschlägen“ von Herrn Heiko Mell, in dieser Kaste möglichst hoch aufzusteigen, ist eben besagtes Genie.

Leider sind diese Genies nach meiner unmaßgeblichen Beobachtung auch nur Menschen, die beim Erklimmen der Leiter auch immer mehr Probleme bekommen. Alkoholismus, Depressionen, psychosomatische Krankheiten, Scheidung, gestörter Umgang mit den Kindern sind solche möglichen Begleiterscheinungen. Weiter stelle ich immer mehr fest, dass „beruflicher Erfolg“ oft eine Ersatzbefriedigung für ungelöste Lebensfragen wird.

Eventuell darf ich Ihnen ja auch einmal eine Frage beantworten. Zitat: „Werden wir dann vom Durchschnitt regiert. Oder doch nicht?“ Antwort: Wir werden unterdurchschnittlich regiert von Leuten mit geringem Sachverstand und hoher persönlicher Gier nach Erfolg, Status und nicht zuletzt Geld, eben Genies.

Zitat: „Ich gestehe sogar, dass ich “Durchschnitt“ zu sein nicht besonders attraktiv finde.“ Machen Sie sich nicht so viele Gedanken, Herr Mell, es gibt Schlimmeres, manchen Leuten fällt z. B. morgens der Rasierpinsel ins Klo.

Bitte schreiben Sie weiter Ihre Artikel, Herr Mell, damit ich auch in Zukunft weiß, wann ich aufstehen, zur Arbeit gehen und sterben soll.

PS: [Anmerkung des Autors: Hier steht im Original eine Beschwerde des Einsenders über die Bearbeitung einer Bewerbung bei dieser Zeitung. Ich kann das nicht wörtlich zitieren, weil durch die Detailangaben die Diskretion gefährdet würde – und weil das ja nun wirklich nicht hierher gehört. Aber der Zusammenhang ist schon von Bedeutung.]

Antwort:

Die anderen Leser haben ein Recht darauf, über kritische Reaktionen, die auf meine Arbeit eingehen, informiert zu werden. Daher dieser – leicht gekürzte – Abdruck. Die Leser mögen es aber nicht, wenn ich mich ausführlich inhaltlich damit auseinandersetze. Also lasse ich das, obwohl es mir schwerfällt.Aber dem erklärten Ziel der Serie darf ich mich widmen. Und das heißt, so viel wie möglich an umsetzbarer Hilfestellung zu geben. Das Thema hier: Man fährt im Berufsleben einen schneidigen Angriff gegen jemanden. Mein Rat umfasst drei Aspekte, dargestellt an diesem Fall:

1. Vermeiden Sie „Rundumschläge“. Konzentrieren Sie sich auf einen Kernpunkt und widerstehen Sie der Versuchung, jemanden, den Sie zur Erschießung freigeben, auch noch lächerlicher Details wie Falschparkerei zu bezichtigen. Bringen Sie in wenigen Sätzen drei, vier „vernichtende“ Sachargumente zum Zentralpunkt – und hören Sie dann auf. Alle weiteren Kleinigkeiten verwässern nur Ihr Anliegen.

Ganz besonders wichtig. Vermeiden Sie es unbedingt, „bei der Gelegenheit“ auch noch andere Personen oder Institutionen anzugreifen, hier also die Regierung und diese Zeitung. Wer das liest, kommt schnell zu dem Schluss: „Der ist mit sich und der Welt unzufrieden und geht gegen alles und jedes an.“

2. Zitate sind immer gut, wenn man Angriffe untermauern will. Aber dabei sind höchste Anforderungen zu stellen, sonst erleichtern Sie es dem Gegner, überzeugend zurückzuschlagen und Ihnen mit Ihren eigenen Waffen eine Niederlage beizubringen. Ganz schlimm sind unvollständige und aus dem Zusammenhang gerissene Sätze.

Beispiel: Ihr Zitat, nach dem ich Genies anziehe.

So wie Sie es zitieren, klingt es tatsächlich sehr „einseitig“. Aber zunächst einmal steht im Original hinter „Motten“ ein Fragezeichen, das haben Sie weggelassen. So etwas macht man einfach nicht! Schließlich ist eine Frage etwas anderes als eine Aussage.

Dann muss man für die Leser den Zusammenhang darstellen, sonst bekommt der Angegriffene nur wertvolle Munition. Im angesprochenen Fall (1.515) hatte ein Einsender vermutet, die Fragesteller dieser Rubrik seien offenbar durchweg „Super-Ingenieure, Einser-Kandidaten, Überflieger“. Und ich hatte geantwortet:

„Also dann schauen wir uns meine “Super-Einsender“ einmal an. Vielleicht habe ich ja einen unbewussten Hang zum Elitären und ziehe Genies an wie das Licht die Motten? Zwar ist mir bisher nichts in dieser Hinsicht aufgefallen, aber die anderen merken es immer zuerst.“ Merken auch Sie den Unterschied? Dann hatte ich in dem fraglichen Beitrag noch bewiesen, dass die letzten zehn Einsendungen alle unter die Rubrik „normal“ fielen und damit sowohl der Behauptung des damaligen Einsenders als auch meiner eigenen, erkennbar nur rhetorisch zu sehenden Frage den Boden entzogen.

3. Bitte beachten Sie eine extrem wichtige Grundregel. Wer einen Frontalangriff unternimmt, darf dabei keine Flanke offen legen – die der Gegner natürlich sofort zum Zustoßen nutzt. Frühe Strategen wie z. B. Hannibal (247 bis 183 v. Chr., genialer karthagischer Feldherr) wussten das. Mit Ihrem „PS“, aus dem man herauslesen kann, dass Sie sich in einem ganz anderen Zusammenhang von dem Medium, für das dieser externe Autor nicht verantwortlich ist, nicht optimal behandelt fühlen, nehmen Sie Ihren eigentlichen Argumenten viel an Durchschlagskraft.

So viel zu diesem Lehrstück. Beurteilen kann und muss meine Arbeit und meinen Stil jeder selbst. In einem so heterogenen Leserkreis werden stets auch Menschen sein, die absolut nichts mit meiner Art der Aufbereitung und Darstellung anfangen können.

Leser B: Während ich als Student und Promovent manches Mal über Ihre Antworten schockiert war, bin ich, seitdem ich im Berufsleben stehe, immer mehr von Ihrer genialen Einschätzung und Ihren zutreffenden Antworten begeistert.

Antwort: Ich könnte das als Musterbeispiel einer positiven Kritik hinstellen. Da es jedoch leider durch und durch humorlose Mitmenschen gibt, lasse ich das lieber unkommentiert. Aber: Es heißt „Promovend“!

Frage-Nr.: 1530
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-10-06

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