Heiko Mell

Typisch oder „lunatic fringe“?

Zum Abschluss meiner Doktordissertation bin ich 1938 dem VDI beigetreten und habe seither vor allem aus Schicksalsgründen in Deutschland, England und den USA mit meiner aktiven und beratenden Ingenieurarbeit ehrlich und redlich mein Brot verdient. Kürzlich erfreute ich mich der Verleihung des goldenen 60 Jahre-Ehrenzeichens des VDI.

In meinem, wie man früher sagte, wohlverdienten Ruhestand ergötze ich mich wöchentlich an Ihrer meisterhaften Beantwortung der in den VDI nachrichten gestellten Fragen, allerdings mit gemischten Gefühlen.

Eine Analyse der Fragesteller brachte mich nämlich zu der Ansicht, diese stellen wohl kaum einen Querschnitt der VDI-Mitgliedschaft dar, sondern deren „lunatic fringe“ (leider fehlt mir der deutsche Ausdruck dafür). Besonders einem Außenseiter kann daher diese Rubrik Anlass geben zu einem herabsetzenden, negativen Urteil über den andererseits ausgezeichneten Ruf des Vereins und seiner Mitglieder.

Diese Möglichkeit sollte m. E. erörtert und vermieden werden; die Maßnahmen dazu stelle ich hiermit zur Diskussion.

Mit den besten Wünschen und kollegialen, altheimatlichen Grüßen.

Antwort:

Ich nehme Ihre Zuschrift gern zum Anlass, hier wieder einmal die Basis meiner Serie zu erläutern: Diese Karriereberatung hat nichts mit dem VDI zu tun, erfolgt nicht in seinem Auftrag und ist völlig unabhängig von einer Mitgliedschaft im VDI. Ich bin zwar von der Ausbildung her Ingenieur, aber kein VDI-Mitglied. Ich schreibe ausschließlich im Auftrag dieser Zeitung, die ja auch – z. B. am Kiosk – frei verkauft und keinesfalls ausschließlich von VDI-Mitgliedern gelesen wird.

Wie hoch der Anteil der VDI-Mitglieder an der Leserschaft dieser Zeitung ist, weiß ich nicht. Wie hoch der Anteil der Vereinsmitglieder an unseren Fragestellern ist, weiß überhaupt niemand.Dies waren ausschließlich Feststellungen, die einfach der Korrektheit wegen aufgeführt werden mussten, aber mit Ihrer Kernfrage noch nichts zu tun haben.Konzentrieren wir uns auf das Thema, zu dem ich wirklich etwas aussagen kann: Ich gehe seit 36 Jahren ununterbrochen mit arbeitenden Menschen in diesem Lande um, kenne sie als Kollegen, Mitarbeiter, Chefs, Bewerber. Ich führe ständig Vorstellungs-, Karriereberatungs- und Outplacementgespräche, rede mit Führungskräften, Personalleitern, Jungakademikern und Studenten. Auf dieser Basis meine Aussage:

Die Einsender dieser Serie entsprechen in der Art des Auftretens, der Formulierung, der Fragestellung vom Inhalt her, in ihrem erkennbaren Verständnis der Zusammenhänge innerhalb unseres Wirtschaftssystems etc. dem Durchschnitt deutscher Akademiker, wenn man zwei systembedingte Einschränkungen sieht:

a) Oberhalb von 45 Jahren ist die Möglichkeit, weiter aktiv an der Karriere zu arbeiten, stark eingeschränkt, Bewerbungen werden langsam immer weniger erfolgreich. Damit schwindet auch das Interesse der älteren Leser an diesen Fragen. Sie lesen die Beiträge vielleicht noch (es gibt durchaus Hinweise darauf), stellen aber kaum mehr eigene Probleme zur Diskussion. Sie verschwinden langsam aus dem Einsenderkreis. Der Altersgruppe ab 45 gehören aber die meisten höherrangigen Entscheidungsträger (Hauptabteilungsleiter, Geschäftsführer etc.) an.

b) Überwiegend betreffen gestellte Fragen Probleme, die den Einsender persönlich berühren. Die – kleine – Gruppe erfolgreicher Elite-Akademiker hat vielleicht im statistischen Durchschnitt weniger Probleme oder ein größerer Teil von ihr kommt selbst mit der Lösung zurecht oder, ein ganz wichtiger Aspekt, beherrscht die Kunst der Adaption besser. D. h., sie kann die aus früheren Fällen deutlich werdenden Prinzipien besser auf die eigene Situation übertragen. Was offenbar einem großen Personenkreis schwer fällt.

Bleibt die Erkenntnis: So sind die Menschen, so sind wir eben. Ich würde diese Arbeit nicht so lange engagiert machen, fände ich daran irgendetwas auszusetzen.

Der Witz dabei (und deshalb überhaupt nehme ich mich dieses Themas so breit an): Ich muss mich gelegentlich gegen den Vorwurf aus Leserkreisen verteidigen, die Serie sei zu anspruchsvoll, hier sei nur von Elite-Leuten die Rede und viele Formulierungen blieben dem Akademiker, der kein geisteswissenschaftliches Studium habe, unverständlich.

PS. Dass es einfacher und vielleicht auch klüger wäre, diese Frage hier nicht zu diskutieren, weiß ich natürlich auch. Aber dies war jetzt sechzehn Jahre lang mein Prinzip: Ich gehe keinem Problem eines Einsenders aus dem Weg, nur weil damit vielleicht ein „stromlinienförmiges“ Erscheinungsbild der Aussagen gefährdet wird.

Frage-Nr.: 1525
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-09-22

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