Heiko Mell

Sie schreiben als stünden sie in Unterhosen da

(eingesandt auf dem Briefbogen eines Lehrstuhls einer deutschen Universität, d. Autor): Wenn es einen Preis gäbe für die Verfechtung unserer Muttersprache, so würde ich Sie als einen der aussichtsreichsten Kandidaten einstufen. Herzlichen Dank für Ihr Engagement, mit dem Sie in unermüdlicher Beständigkeit auf den korrekten Umgang mit unserer deutschen Sprache drängen.

Gerade habe ich wieder einen Entwurf für die Studienarbeit eines von mir betreuten Studenten der Fachrichtung Maschinenwesen gelesen. Diese Aufgabe, die Teil meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter ist, zählt zu meinen frustrierendsten Arbeiten überhaupt!

Die Fähigkeit, Gedanken in schriftlicher Form auszudrücken, ist bei vielen angehenden Ingenieuren nicht vorhanden. Dabei meine ich gar nicht die Berge von Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern. Oft lässt sich nur erahnen, was der Autor in diesem oder jenem Satz gemeint haben könnte, in dem man das Verb vergeblich sucht und dessen Konstruktion schwindelerregend ist.

Kein Student käme je auf die Idee, nur mit seiner Unterhose bekleidet mein Büro zu betreten – nein, was für eine Blamage. Aber dass die Unfähigkeit zu schreiben blamabel ist und die Person des Schreibenden disqualifiziert – zumal wenn dieselbe in absehbarer Zeit den Titel Diplom-Ingenieur führen wird – das zählt offenbar zu einem der am besten gehüteten Geheimnisse unserer Ingenieurausbildung.

Ein herzliches Dankeschön an Sie für Ihren persönlichen Beitrag, dieses Geheimnis zu lüften. Dass man sich durch das geschriebene Wort auch blamieren kann, das dürfte zumindest den Lesern Ihrer Karriereberatung nicht verborgen bleiben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer Serie weiterhin viel Erfolg. Machen Sie weiter so!

Antwort:

So wie Sie empfinde ich auch, wenn ich manche Schriftstücke deutscher Akademiker lesen muss.

Und ich weiß, dass maßgebliche Entscheidungsträger ähnlich denken! „Stellen Sie sich einmal vor, der Kerl kann keinen anständigen Brief schreiben, keine Vorlage sauber formulieren. Jede Ausarbeitung hat höchstens Hilfsschulniveau – und so etwas will in meinem Management maßgebliche Entscheidungen treffen“, so entrüsten sich nicht nur Firmenchefs über leitende Angestellte ihres Hauses. Vermutlich haben sich die Betroffenen auch noch gewundert, warum es mit ihrer Karriere nicht vorwärts ging.

Entsprechende Fehlleistungen machen auf halbwegs gebildete Menschen den gleichen Eindruck („unmöglich“) wie das Ablecken des Messers bei einem offiziellen Anlass, wie weiße Tennissocken zum dunklen Anzug oder wie Bermuda-Shorts auf Vorstandssitzungen. Oder wie eben Unterhosen im Büro eines Menschen, von dem (auch) die Note der Diplomarbeit abhängt. Meine Standard-Warnung: Wenn es hausintern oder per Bewerbung nicht so recht weitergeht, kann es an Ihrer Sprache liegen.

Bleibt die Frage, was man tun kann. Ich versuche mein Mögliches, stoße aber an zwei Grenzen. Schon mit dem, was ich bisher von mir gebe, touchiere ich in den Augen mancher Leser die „Leitplanken“, wie mir gelegentlich deutlich gemacht wird: Das sei doch nur noch für Germanistikstudenten verständlich und nützlich, was ich da schriebe und gelegentlich sprachlich triebe. Da hoffe ich nur für die angehenden Germanisten, dass man ihnen doch irgendwie noch mehr an Sprachausbildung angedeihen lässt als ich vermitteln kann.

Letzteres leitet zum zweiten Problem über: Niemand ist sich meiner sprachlichen Unvollkommenheit bewusster als ich. Mir fehlt jede entsprechende Ausbildung, ich bin nur interessierter Laie. Ich also bin hier am Ende meiner Möglichkeiten. Aber es gibt andere, die mehr können (auf diesem Gebiet – bloß keine Generalkapitulation).

Vorlesungen an Hochschulen „Deutsch für Muttersprachler“ sind sicher kaum machbar. Mancher Kultusminister, zuständig für Schullehrpläne, müsste das ja als Ohrfeige begreifen. Sollte er ruhig.

Idee Nr. 2: Eine Fortsetzungsserie „Deutsch für Naturwissenschaftler“ in der Zeitung. Mit Grundsatzwissen, Stilistik und – wichtig – der Bearbeitung von Originalbriefen der Einsender (anonym selbstverständlich). Weil das Interesse an den Fehlern anderer größer ist als das an eigenen. Ein Autor müsste sich finden lassen.

Ich sage breites Interesse (auf Leserseite), aber auch engagierte Gegner voraus.

Frage-Nr.: 1510
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-07-28

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