Heiko Mell

Das Studium macht noch keinen Ingenieur

Antwort:

Natürlich kann man sich trefflich darüber streiten, was ein Ingenieur eigentlich ist. Und diejenigen, die gerade die Hochschule verlassen, haben ein gewichtiges Argument ins Feld zu führen: Sie sind jetzt Ingenieure – denn Sie haben es nicht nur schriftlich, sondern auch mit amtlichem Stempel. Und das in Deutschland, wo Dokumente (fast) alles sind.

Die Wirtschaft hingegen hat auch Gewicht, wenn sie ihre Stimme erhebt: Sie soll oder muss diese Jungakademiker einstellen und bezahlen. Wer bezahlt, bestimmt weitgehend – in der Marktwirtschaft ist das ganz besonders ausgeprägt.

Und die Unternehmen definieren ein bisschen anders: Nicht Stempel oder ministerielle Erlasse entscheiden, sondern die Fähigkeit, entsprechend den betrieblichen Anforderungen Leistungen zu erbringen. Kurz: Ingenieur ist, wer die Arbeit eines Ingenieurs tun kann.

Und genau das, meine Rede seit Jahren, können unsere Hochschulabsolventen generell nicht. Weil man ihnen zu wenig von dem vermittelt hat, was in der alles entscheidenden Praxis gefordert wird (simples Beispiel: Was ist ein Chef und wie gehe ich mit ihm um?).

Fazit: Es gibt zwei verschiedene „Ingenieure“, den mit frisch gedrucktem Hochschuldiplom und den, der in der Praxis die Tätigkeiten eines Ingenieurs ausüben kann. Und beide unterscheiden sich erheblich voneinander. Genau aus diesem Grunde suchen die Unternehmen so beharrlich „junge Ingenieure mit zwei Jahren Praxis nach dem Studium“. Weil die jungen Akademiker dann „Ingenieure im Sinne der Praxis“ sind – bis dahin sind sie aus der Sicht der Arbeitgeber eine Art „Jungingenieure zur Anstellung“ (dieses Beamtendeutsch benutzt aber zum Glück niemand).

Das alles hat hier schon des öfteren gestanden – nun haben es auch andere erkannt und sogar statistisch belegt: Die Zeitschrift PERSONALmagazin veröffentlicht in ihrer Ausgabe 1/2003 unter der Überschrift „Bildungssystem ist mangelhaft“ eine Untersuchung des Instituts für angewandte Innovationsforschung in Bochum. Die Wissenschaftler Staudt und Kottmann haben Unternehmen der Gas- und Wasserwirtschaft befragt. Danach gilt (allgemein auf Jungakademiker bezogen):
Bis zur Erlangung der „vollen beruflichen Einsatzfähigkeit“ benötigen Hochschulabsolventen- keine Zeit, sie sind sofort einsatzfähig: 4 %,- bis zu sechs Monaten: 12 %,- bis zu einem Jahr: 32 %,- bis zu zwei Jahren: 35 %,- über zwei Jahre: 17 %.

Die Autoren fordern eine stärkere Kompensation des fehlenden Praxisbezugs der Hochschulausbildung und unterbreiten konkrete Vorschläge (die hier nicht unser Thema sind).

Aber für Studenten in der „Endphase“ und frischgebackene Jungakademiker folgt auch daraus wieder:

1. Seien Sie sich im gesamten Bewerbungsprozess dieser – berechtigten – Auffassung der Unternehmen bewusst. Sie sind zwar Teil der „Top-Elite“ in den Augen der Sie entlassenden Hochschule (so wie es der Abiturientenjahrgang auf dem Gymnasium ist), in den Augen der neuen Umgebung aber „blutige Anfänger“, die man „ans Händchen nehmen und die man das Laufen lehren muss“.

 

2. Schön für Sie, wenn der Markt – mal mehr, mal weniger – Spitzengehälter für Jungingenieure zahlt. Aber das hat nichts mit Ihrem wirklichen Wert „hier und jetzt“ zu tun, das sind nur temporäre Überhitzungserscheinungen, ausgelöst durch Schwankungen von Angebot und Nachfrage. Auch ein „viel“ zahlendes Unternehmen honoriert damit nicht Ihre wirkliche Qualifikation – es kauft Sie nur zähneknirschend teuer ein, um nach knapp zwei Jahren „industrieverwendungsfähige“ Arbeitskräfte zu haben.

Anfänger, die um Einstiegsgehälter oder konkrete Laufbahnzusagen pokern, haben kein wirklich gutes „Blatt“ auf der Hand, sie treiben die Preise eigentlich nur auf der Basis „heißer Luft“ hoch. Das ist in der Marktwirtschaft erlaubt – aber es kann nicht schaden, wenn Sie das wissen. Und wenn Sie wissen, dass die Gegenseite in den Verhandlungen das auch weiß!

 

3. Bewerber mit zwei Jahren Praxis pokern dann schon mit einem weitaus besseren „Blatt auf der Hand“ (bei eigenen Mitarbeitern sehen Arbeitgeber das „Blatt“ gelassener – aber „draußen“ steigt der Marktwert deutlich).

 

4. Jede Art von Praxisbezug im Studium zählt! Wer statt Urlaub in Mexiko jeweils mehrmonatige Industriepraktika (so viele und so nah an der Branche und Größe der späteren Zielfirma wie irgend möglich!) bringt, ist im Bewerbungsprozess im Vorteil.

 

5. Früher, besonders in den Jahren vor und nach dem zweiten Weltkrieg, entwickelten Konstrukteure ein Produkt und drückten es gelangweilt dem Vertrieb in die Hand, der dann um den Verkauf bemüht war. Heute beeinflusst der Markt mit seinen Anforderungen bereits die allerersten Grundgedanken des Konstrukteurs in entscheidendem Maße.

Ein Student, der die Studienphase für einen Freiraum hält, in dem er allein alles bestimmen und festlegen kann, so wie es ihm jeweils einfällt („um das Verkaufen meiner Qualifikation kümmere ich mich, wenn es mit den Bewerbungen losgeht – bis dahin wird gelebt“), hat etwa so viele Erfolgsaussichten wie ein Konstrukteur, der im Denken der Zwanzigerjahre verhaftet geblieben ist (des vorigen Jahrhunderts, wohlgemerkt). Heute produziert man, was der Markt will. Und er will Praxisbezug!

Kurzantwort:

Natürlich kann man sich trefflich darüber streiten, was ein Ingenieur eigentlich ist. Und diejenigen, die gerade die Hochschule verlassen, haben ein gewichtiges Argument ins Feld zu führen: Sie sind jetzt Ingenieure – denn Sie haben es nicht nur schriftlich, sondern auch mit amtlichem Stempel. Und das in Deutschland, wo Dokumente (fast) alles sind.

Die Wirtschaft hingegen hat auch Gewicht, wenn sie ihre Stimme erhebt: Sie soll oder muss diese Jungakademiker einstellen und bezahlen. Wer bezahlt, bestimmt weitgehend – in der Marktwirtschaft ist das ganz besonders ausgeprägt.

Frage-Nr.: 151
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-03-15

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