Heiko Mell

Der Weg ist nur der Weg, zweitrangig gegenüber dem Ziel

Antwort:

Das tägliche Tun mit all seinen Anforderungen, Belastungen, Querelen, Routineanteilen, Frustrationen und Niederlagen ist nicht imstande, uns als Quell ew’ger Freude, Hort ständiger Erfüllung, ja Spender zeitgemäßen Spaßes zu dienen. Es kann das schlicht nicht leisten, die Umstände – bedingt durch die Zielsetzungen der Unternehmen und das gesamte System, in dem wir uns bewegen – sind nicht danach. Oder: Der Versuch, bei der täglichen Arbeit weitgehend glücklich zu werden, dort pure Erfüllung und Erheiterung zu finden, ist zwangsläufig wenn nicht zum Scheitern verurteilt, so doch eine Überforderung des gesamten Umfelds.

Die Begründung dafür ist recht einfach: Was wir an jedem Tag wieder beruflich tun, darf nicht Ziel, sondern kann nur Weg zu einem solchen sein. Ein Weg, von dem man erwartet, dass er uns in akzeptabler Form von A nach B bringt – aber niemand wird von der Fahrt auf der A 3 von Köln nach Frankfurt „Spaß und Freude“ erwarten, das kann der „Weg“ nun absolut nicht leisten. Das Ziel hingegen, hier also Frankfurt, darf schon so gewählt werden, dass sein Erreichen Erfüllung oder schlicht auch Spaß schenkt – was immer man sich dort vorgenommen hat.

Hingegen wird der Spaziergänger sich vor allem auf den Weg konzentrieren, den zu beschreiten soll ihm Freude bereiten. Das ist durchaus möglich, dann ist der Weg das Ziel – aber der Spazierer kommt auch „nirgendwo“ an. Er akzeptiert den Endpunkt der Wanderung schulterzuckend – die Hauptsache ist, der Weg war schön.

Berufslaufbahn oder gar Karriereplanung will nach „Frankfurt“ und später dann vielleicht über „München“ nach „Mailand“. Und der Weg dorthin? Soll akzeptabel sein, nicht mehr Ärger als notwendig bereiten, darf auch schön sein zwischendurch – aber Regengüsse am Dernbacher Dreieck auf der A 3 sind nichts, was wirklich aufregt oder zu Enttäuschungen führt.

Dabei muss das Ziel, dessen Erreichen die Mühen des Weges wert ist, im Beruf nicht immer der Olymp sein. Aber mit einem „Die Arbeit der nächsten zwei Jahre soll mir zusätzliche Erfahrungen vermitteln und ich will mir damit die Chance erarbeiten können, anschließend Projekt- oder Teamleiter zu werden“ kommt man dem Ideal dann schon sehr nahe. Und Schwierigkeiten bei der Lösung von Aufgaben, ein weniger attraktiver Standort sind dann nur noch wie ein Stau bei Idstein – ärgerlich, aber belanglos in Relation zum Ziel. Und Probleme mit dem Chef werden so zum Nebel im Westerwald – belastend, aber da muss man durch.

Die Spaßgesellschaft hingegen versucht, den Weg allein zum Ziel zu machen, auch im beruflichen Bereich. Das widerspricht dem in Jahrhunderten gewachsenen Denken in Mitteleuropa. Wir haben schlicht zu wenig Wege, die um ihrer selbst willen zu gehen sich lohnt: Die meisten hier sind steinig, wir brauchen Ziele, um die Wege ertragen zu können.

Verstehen wir uns? „Ich will einen Job, der Spaß macht“, ist also ähnlich naiv und daneben wie etwa: „Ich will auf der Autobahn fahren und Spaß soll es machen“ – Fahrschüler-Niveau, nichts für Profis. Die fahren dort nur, weil es sie irgendwo hinbringt, wo zu sein es sich lohnt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 150
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-03-08

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