Heiko Mell

Aber lesen können Sie?

Antwort:

Ich gebe ja zu, dass die Frage, gerichtet an deutsche Akademiker, ihre besondere Brisanz hat. Und ich stelle sie auch keineswegs gern. Ja, sehr viel lieber würde ich das Gegenteil behaupten. Etwa: Deutsche Bewerber können lesen! Aber können sie das wirklich? Alle jedenfalls, so hat es den Anschein, ganz bestimmt nicht.

Dabei will ich versuchen, absolut fair zu sein: Bewerber, die den Inserenten telefonisch nach Details fragen, die bei näherem Hinsehen sehr wohl in der Anzeige stehen, nehme ich hier aus. Schließlich ist in einem solchen Fall mangelndes Können nicht bewiesen, nur mangelndes Wollen zu vermuten.

Aber in den schriftlichen Bewerbungen sieht es ausgesprochen finster aus. Dort gibt es Ausreißer, die hält der Laie nicht für möglich. Da stehen im Lebenslauf völlig falsche Daten zu Beschäftigungszeiten, um Jahre von den Zeugnisaussagen abweichende Beförderungszeitpunkte, anderen Dokumenten entschieden widersprechende Positionsbezeichnungen und ähnliches mehr.

Höhepunkte sind jedoch die Anschreiben! Falsch abgeschriebene Firmen- und Personennamen der Adressaten sind zwar im Hinblick auf das Anliegen schnell „tödlich“, im Sinne der Frage über diesem Beitrag aber eher noch harmlos. Sehr viel brutaler sind Sätze ohne Anfang oder ohne Ende, mit absolut unsinnigen Einschüben oder solchen Aussagen, die plötzlich in eine andere Zeit springen.

Oft sitzen mir gestandene Manager gegenüber und wir plaudern über obiges Thema. Meine Gesprächspartner geben dann durch feinsinniges Lächeln zu erkennen, dass sie mir voll beipflichten: schlimm, was manche Leute sich so leisten, andere Leute natürlich. Dann lese ich aus ihren eigenen „Werken“ vor, was oft zu recht blassen Gesichtern und dem Ausspruch führt: „Das hätte ich bei mir nicht für möglich gehalten.“ Ich schon, leider.

Als Warnung: Das Lesen am Bildschirm allein genügt bei wichtigen Dokumenten nicht. Aus mehreren Gründen rutschen dabei zu viele Fehler durch. Also gilt die dringende Empfehlung: Lesen Sie das ausgedruckte Dokument, nur so können Sie sicher sein, dass den Empfänger eine Aussage erreicht, die Sie sich auch so gedacht hatten.

Aus meiner Schulzeit schon stammt der Zusatztipp: Lesen Sie laut, dabei findet auch das blinde Huhn noch verborgene Körner.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 15
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-03-10

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