Heiko Mell

Nie gehört!

Antwort:

Es ist ja nicht so, dass ich nicht schon öfter an – meine und andere – Grenzen gestoßen wäre. Aber gelegentlich werde ich mit Gegebenheiten konfrontiert, die ich schlicht nicht für möglich gehalten hätte: Es gibt zweifelsfrei Studenten und Doktoranden der Ingenieurwissenschaften in diesem Lande, die haben niemals von der Existenz dieser Serie in dieser Zeitung gehört.

Nun bin ich natürlich Partei, daher will ich hier auch nicht andeutungsweise den Wert dieser Karriereberatung unterstreichen oder gar ihre Unverzichtbarkeit propagieren. Auch gestehe ich jedem Leser uneingeschränkt das Recht zu, dieses Angebot wegen des Inhalts, der Art der Darstellung oder der Nase des Autors abzulehnen (ein Recht, das gelegentlich sehr engagiert in Anspruch genommen wird).

Aber wenn es nach achtzehn Jahren ununterbrochenen Erscheinens in jeder Ausgabe dieser weit verbreiteten Zeitung künftige oder bereits fertige Ingenieure gibt, die nie von dieser Serie gehört haben, dann trifft mich das hart. Nicht wegen meiner vielleicht nicht perfekten Erfolgsstatistik: Ich werde nicht pro Leser bezahlt. Aber doch wegen meines Bildes vom jungen deutschen Ingenieur, der sich informiert, der sich kümmert, wo welche Informationen zu finden sind – und der letztlich ganz sicher sein darf, alles herausgefunden zu haben, was ihn irgendwie interessieren könnte. Wie beispielsweise die Kneipe mit dem gepflegtesten Bier zu geringstem Preis.

Oder reden die jungen Leute nicht mehr miteinander? Viele lesen ja diese Beiträge durchaus – bewahren die ihre Kenntnisse als Herrschaftswissen für sich, so dass Kommilitonen mit fünf bis acht Jahren Uniaufenthalt niemals auch nur davon hören?

Ausgangspunkt meiner Verwunderung sind Briefe von Doktoranden oder Examenskandidaten der Ingenieurwissenschaften: „Zufällig erfuhr ich jetzt von der Existenz der Karriereberatung“; auch im persönlichen Kontakt tauchen durchaus Ingenieure auf, die nie von diesem Informationsangebot gehört haben. Ablehnung kann ich ja verstehen, aber kann jemand nie dort gewesen sein, wo irgendjemand darüber gesprochen hat?

Nun schreibe ich dies wieder denen, die es ohnehin lesen. Wie bringe ist die anderen dazu, wenigstens „dagegen“ zu sein (Jugend ist immer schneller gegen als für etwas). Oder es notfalls abgrundtief abzulehnen? Bin ich vermessen, will ich zuviel, können überhaupt alle lesen?

Aber zum Glück gibt es einen erfreulichen Ausgleich für das „Nie-gehört“ mancher Ingenieure: Berufsgruppenfremde Leser gibt es in zahlreicher Form: Mediziner schreiben, so sei es auch bei ihnen und richten Chefarzt-Bewerbungen(!) nach unseren Ratschlägen, selbst Lehrer haben schon erklärt, in ihren Kollegien ginge es zu wie von mir gelegentlich geschildert. Kaufleute lesen es und oft Personalwesen-Mitarbeiter sowie manche Professoren unterschiedlicher Fakultäten und fachfremde Ehepartner. Aber einige Ingenieure haben nie davon gehört! Vielleicht sind achtzehn Jahre Seriendauer zu wenig, bis sich etwas herumspricht. In Kürze werden es neunzehn sein. Vielleicht hilft das.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 149
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-02-27

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