Heiko Mell

Wie man Bewerbungsleser in den Wahnsinn treibt

Antwort:

Ein Lebenslauf ist ein Abbild des Laufes des Lebens. Dieser Lauf fängt mit der Geburt an und „endet“ vorläufig am heutigen Tage. Ich bin nicht stolz auf diese Definition, sie ist mehr selbstverständlich als geistreich. Und man würde ja auch den „Lauf eines Flusses“ schön brav an der Quelle beginnen lassen und in Richtung Mündung fortschreiben. Oder etwa nicht? Also!

Viele Fachleute bevorzugen wie ich diese chronologische Darstellung des bisherigen Lebens eines Bewerbers – sie entspricht dem üblichen Denken eines Analytikers, der Entwicklungen oder Prozesse nachvollzieht. Und ich habe noch nie(!) von einem Bewerber gehört, der sich in diesem Lande bewarb und sich während dieses Verfahrens Vorwürfe wegen des chronologischen (dem Zeitverlauf folgenden) Aufbaus seines Lebenslaufes hätte anhören müssen. Im Gegenteil: Die Übernahme des z. B. auf meiner Homepage dargestellten Musters führt, so sagt man mir, oft zu Lob und Anerkennung wegen der Klarheit und der Übersichtlichkeit bei gleichzeitig optimaler Informationsdichte und -fülle.

Natürlich weiß ich, dass es auch noch die „amerikanische“ Variante gibt, die den Lebenslauf umgekehrt chronologisch aufbaut. Dahinter stecken ein anderes Denkmodell und auch ein anderes Berufssystem mit anderem Arbeitsrecht. Aber sei es drum: Der Mensch ist lernfähig – dann ärgere ich mich eben ein bisschen und suche die Geburt am Schluss unten auf Seite 2 des Dokuments, anschließend lese ich alles von hinten nach vorn (weil ich, stur wie ich bin, die Dinge im logischen Zusammenhang und Ablauf verstehen will).

So weit, so gut. Nun aber ist offenbar ein neues System auf dem Markt. Ich weiß nicht, wo es herkommt, aber da man es so oft angewandt sieht, muss es eine gemeinsame Quelle geben. Der neue Weg ist dieser: Man bietet beiden Parteien etwas, den deutschen Traditionalisten ebenso wie den „Amerikanern“. Und so schreibt man schön die Geburt oben an den Anfang, listet dann die gesamte Schul- und Studienzeit ebenso schön chronologisch auf (beginnend mit der Grundschule und fortgeführt bis zum Studienexamen), fügt dann die „Berufspraxis“ an – fängt bei der aber jetzt völlig unmotiviert hinten bei der heutigen Position an und geht langsam zurück bis zur ersten Anstellung nach dem Studium.

Das ist unsystematisch und eines Menschen, der durch weiterführende Schule und Studium gebildet wurde, schlicht unwürdig! Es ist, als versuche jemand, „ein bisschen schwanger“ zu werden. Und es treibt den Leser schier zur Verzweiflung, wenn er sich bei 150 zu lesenden „Läufen des Lebens“ ständig mitten im Text vom chronologischen Aufbau auf das Gegenteil umstellen muss. Ach und wussten Sie, dass „Amerika, du hast es besser“ schon von Goethe gesagt wurde? „Besser“ heißt hier, dass man dort nicht so überaus engagiert neuen „Moden“ hinterherläuft, wenn sie nur von jenseits des Atlantiks kommen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 144
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-01-23

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