Heiko Mell

Spätes Geständnis

Antwort:

Mein Gesprächspartner hatte inzwischen das vierte Lebensjahrzehnt erreicht. Er war promovierter Ingenieur, gestandener Manager mit solider Laufbahn. Wir kamen gut miteinander aus – auch ich bin im Umgang nicht permanent so boshaft, wie ich denen erscheine, die nur manche meiner Beiträge lesen.

Das muss er wohl auch so gesehen haben. Jedenfalls meinte er plötzlich, er müsse nun endlich ein Geständnis ablegen. Er hätte sehr engagiert, sehr laut und sehr offen, vor allem aber sehr schlecht über mich gesprochen. Als er noch Student war – einige Jahre her, aber immerhin.

Er habe sich seinerzeit einfach maßlos über meine Beiträge geärgert – und sich absolut nicht vorstellen können, dass da „etwas dran“ sei, was ich so von mir gegeben hätte. Später, so führte er dann aus, habe er gemerkt: Ich hätte völlig Recht (gehabt und auch jetzt). Ein bisschen war ihm immer noch peinlich, was er damals alles an Kritischem gesagt hatte, es muss wohl recht massiv gewesen sein; ich habe auf wörtliche Zitate verzichtet.

Mir hat die Geschichte gut getan. Einmal freut man sich immer, wenn man Menschen kennen lernt, die Charakter zeigen (nein, nicht durch die Bestätigung, dass ich richtig liege, sondern durch das freiwillige Eingeständnis einer früheren Fehlleistung). Aber das rechtfertigt keine Platzvergeudung im Rahmen dieser Serie. Wichtig und lehrreich ist allein das Signal an heute mit Sicherheit immer noch vorhandene oder wieder neu nachwachsende radikale Kritiker aus Studentenkreisen – also von jungen Menschen, die nicht wissen (können), wie es so läuft in der Praxis da draußen:

Kritisieren Sie ruhig, das ist Ihr gutes Recht. Aber geben Sie nebenbei auch dem „Verdacht“ Raum, womöglich wäre doch etwas dran. Schließlich druckt diese seriöse (ich darf als Außenstehender ruhig mal ein wenig loben), von erfahrenen Leuten gemachte und verantwortete Zeitung seit so langer Zeit (1984) meine Beiträge ab – niemand hätte das verantworten können, gäbe es Anhaltspunkte dafür, ich bewegte mich außerhalb der Realität. Und vor allem die erfahrenen Leute aus der Praxis hätten ja zuhauf massiv protestiert.

Sehen Sie es einmal so: Wenn Sie sich über den Tenor meiner Aussagen sehr stark aufregen und ich vielleicht doch Recht habe und halbwegs wahrheitsgemäß berichte, dann haben Sie die Chance zu einem Schlüsselerlebnis oder mehreren davon:

1. Ihre Aufregung richtet sich eigentlich weniger gegen mich, der ich nur informiere, als gegen Sie, der Sie nicht wissen und falsch vermuten.

2. Beschweren Sie sich dort, wo man Ihr – vermutlich hoffnungslos unrealistisches – Bild des Lebens geprägt hat (Eltern, Lehrer, Professoren, Medien oder was auch immer).

3. Sie haben soeben die Ursache dafür entdeckt, warum die Wirtschaft Berufseinsteiger so deutlich weniger mag als die allseits gesuchten Bewerber mit zwei Jahren Praxis. Erstere träumen oft noch, letztere wissen meist schon.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 143
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-01-09

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