Heiko Mell

Trauen sich viele nicht?

Da Sie so oft Einsender wegen sprachlicher Fehler „abbürsten“: Ich halte es für denkbar, daß viele Leser, die eigentlich dringend Rat brauchen, sich schlicht nicht trauen, Ihnen zu schreiben. Letztlich dürften sie Angst haben, sich vor der Masse der anderen zu blamieren.

Antwort:

Ich glaube das einfach nicht.

Erstens kommen nach wie vor deutlich mehr Zuschriften als hier beantwortet werden können.

Zweitens werden alle Fragen anonym vorgestellt. Ich gehe sogar noch hin und verändere oder neutralisiere viele Fachrichtungen, Daten, Zahlen und ähnliche Angaben, aus denen man auf den Einsender schließen könnte. Eine „anonyme Blamage“ gibt es, so glaube ich, denn rein definitorisch wohl nicht.

Drittens merke auch ich mir selbstverständlich keinen Einsender. Außerdem werden sowohl bearbeitete als auch unbearbeitet bleibende Zuschriften nach einiger Zeit vernichtet.

Viertens wäre es allerdings blamabel, wenn es so wäre. Aber für unser ganzes Land! Wenn nämlich erwachsene Akademiker(!) es nicht mehr wagten, einen simplen Brief an einen eher mittelmäßig gebildeten Ingenieur zu schreiben, der keine über eine mittlere Schulbildung hinausgehende sprachliche Qualifikation hat – und der absolut nicht nach Art eines Diktatlehrers jedes alberne Komma und jeden harmlosen Tipfehler ankreidet, sondern nur aufzeigt, an welchen Stellen hochrangige Entscheidungsträger unangenehm berührt wären, läsen sie es denn. Es geht hier also nicht um mein Hobby, sondern auftragsgemäß um „Karriereberatung pur“. Ich weise auf beruflich relevante Fallstricke und Stolpersteine hin, mehr nicht. Und seien Sie bitte beruhigt: Hier werden allerhöchstens 10 % aller größeren Fehler in den Briefen angesprochen, die anderen berichtige ich stillschweigend.

Und fünftens: Wenn schon jemand vor mir Angst hätte, wo noch dazu sein Name nicht genannt wird, wie wollte der den Anforderungen des Berufslebens gerecht werden? Jeder von uns hat erlebt – oder so er jünger ist: wird erleben – wie Chefs, Kollegen oder Kunden auf Fehler, Ungeschicklichkeiten oder Versäumnisse reagieren. Da bin ich ja als Sparringspartner noch vergleichsweise harmlos. Oder konkret: Wie will jemand Karriere machen und die damit verbundenen Probleme durchstehen, wenn er sich schon vor der vergleichsweise friedlichen Auseinandersetzung mit mir fürchtet?Ich weise ja lediglich in meiner bescheiden-zurückhaltenden Art schüchtern darauf hin, daß es beispielsweise keine „mittelständigen“ Firmen gibt, daß „Aquisition“ in keiner mir bekannten lebenden Sprache vorkommt und daß eine Argumentation „in sich logisch“ sein sollte. Na und?(Nur nicht ängstlich, sprach der Hahn zum Regenwurm – und fraß ihn.)

PS I. Ich bekomme gerade bei diesem Thema auch sehr viel Zustimmung – auch von Menschen, die sich nebenbei wundern, daß jemand „heute noch“ so etwas zu tun wagt wie ich es tue. Manchmal wundere ich mich ja auch ein bißchen …

PS II. Es ist erstaunlich, welche Gedanken sich einige Leser dazu machen. So vermutete einer, ich wäre wohl als Kind mit einem Dialekt aufgewachsen, dessen ich mich nach einem Umzug hätte schämen müssen – das hätte wohl zu meiner so harten Haltung geführt. Ist aber nicht so: Ich spreche seit jeher ein recht gutes Hochdeutsch, das ich meiner Mutter verdanke. Sie bestand darauf: Der Dialekt gehört auf die Straße, „in der Wohnung sprichst du gutes Hochdeutsch“. So wuchs ich „zweisprachig“ auf. Also auch mit dem Verdacht auf ein Kindheitstrauma ist nichts zu machen.

Ich bleibe dabei: Eine „Karriereberatung“, die sich nahezu ausschließlich an Akademiker und Studenten richtet, darf nicht nur, sie muß mindestens so kritisch sein wie ich es in dieser Frage hier bin.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1406
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 29
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-07-23

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