Heiko Mell

Real-Satire?

Wo nehmen Sie eigentlich immer diese Extremfälle in Ihrer Serie her? Das kann doch nicht die typische Praxis sein, die sich in Fragen und Antworten widerspiegelt. Oder ist das alles eine Real-Satire, die sich jemand – gut gemacht, wie ich zugebe – zu Unterhaltungszwecken ausdenkt?

Antwort:

Dienstag, 15. Juni 1999. Eine große, seriöse deutsche Tageszeitung bringt auf zwei Seiten u. a. folgende Schlagzeilen: Massengräber entdeckt, Jüdische Gemeinde streitet, Ministerpräsident tritt zurück, 25.000 Arbeitsplätze gefährdet, Assekuranz läuft Sturm, Radprofi: Ich dope nicht, Nach Tschernobyl und Melissa treibt der Wurm sein Unwesen, Einzug des Honecker-Vermögens bestätigt, Sexueller Mißbrauch nimmt zu, Wenig Geduld mit der Ehe, Weltmeister im Kloschüsselweitwurf, Schwere Zeiten für Raucher, Titanic-Lied im Rettungsboot, Deutsche Detektive melden Rekordumsätze, Kein Glück mit Frauen. An eben diesem Tag erhebt sich ein deutscher Personalberater morgens erfrischt aus seinem Bett, streichelt den im Flur ruhenden Hund und geht in den Garten, um die Fische im Teich zu füttern. Später nimmt er ein bescheidenes Frühstück zu sich und geht problemlos seiner ereignisarmen Tagesarbeit nach. Auch dort: keine besonderen Vorkommnisse. Schenken wir uns den Feierabend dieses Mannes, das Prinzip ist, so glaube ich, deutlich geworden. Dieser Personalberater lebt ebenfalls in jener Welt, über die in der Zeitung berichtet wird.

Jetzt stellen Sie sich vor, ein Außerirdischer liest entweder die Zeitung und fragt sich entsetzt, was das denn hier für ein Planet voller Extreme und Katastrophen ist – oder er begleitet diesen Beispielmenschen bei dessen harmonischem Tagesablauf voller Eintracht und Frieden und kommt zu dem Schluß, Probleme besonderer Art seien auf dieser Welt wohl unbekannt. Was ist richtig, was ist falsch? Aus der Sicht eines einzelnen Bürgers, der an normalen Tagen nur sein persönliches Umfeld sieht, kann das Leben da draußen schon eine Mischung aus Katastrophenschauplatz und Real-Satire sein. Wie aus der Sicht der Kriminalstatistik auch die fernsehabendlichen Krimi-Morde echt sind – aber nicht jeder von uns hat täglich mit einem Mord zu tun. Ähnlich ist es auch mit den Fällen in unserer Serie. Sie sind ausnahmslos real – und natürlich überprüft. Nicht darauf hin, ob sich diese Geschichte im Umfeld dieses Einsenders tatsächlich zugetragen hat. Aber ich unterziehe die geschilderten Probleme einer Plausibilitätskontrolle. Basis sind meine inzwischen 35 Jahre Berufserfahrung im Umfeld Mensch im Betrieb. Und was hier gedruckt wird, ist stets so wahrscheinlich, daß es als typisch gelten kann für bestimmte Bereiche der Praxis.

Es ist wie mit den Zeitungsberichten: Nicht jeder von uns beobachtet täglich einen Kloschüsselweitwurf-Wettbewerb. Aber wer unter Menschen geht, muß mit solchen Albernheiten rechnen – sie können jederzeit geschehen. Und wer mit 25 ins Berufsleben geht, muß (kann, darf, sollte) auf solche Verhältnisse gefaßt sein, wie sie in Fragen und Antworten dieser Serie deutlich werden. Wenn man fast 40 Jahre Praxis vor sich hat, erlebt man einige Kloschüsselweitwürfe. Ich wage – einmal mehr – etwas:

1. Unter allen Umständen stehe ich zu meiner ständigen Aussage, daß etwa 90 % aller eingehenden Bewerbungen nach Prüfung als ungeeignet eingestuft werden. An der Entscheidung über die Einladung zur Vorstellung nehmen die restlichen 10 % teil.

2. Ihre Bewerbung, geehrte Leserin, geehrter Leser, gehört auch zu jenen 90 %. Für meine These spricht nur die Wahrscheinlichkeit, aber die sehr eindeutig. Und bei den 10 % der damit zu Unrecht beschuldigten Leser entschuldige ich mich hiermit ausdrücklich. Aber Sie sehen an diesem Beispiel: So ernst ist es mir damit, so schlimm ist die Praxis. Und daher müssen die Fälle hier so deutlich die jeweils gemachten Fehler aufgreifen und darstellen. Das kann ich auch drastischer sagen: Würden die Leute ihre Werdegänge so sauber halten wie ihre Autos, stünde es besser um das Land und um die Leute.

Fazit: Diese Serie ist keine Real-Satire, sondern fast nur real – so ist das Berufsleben nun einmal, wenn auch nicht täglich und überall. Ob allerdings nicht das Berufsleben als solches in großen Teilen auch Züge einer Satire annimmt, wäre eine ganz andere, aber ganz sicher hochinteressante Frage. Die beantworte ich – vielleicht ein andermal.

Kurzantwort:

Die hier dargestellten Fälle entstammen absolut der Realität der Berufswelt – wenn auch nicht jeder Angestellte täglich mit jedem Problem konfrontiert wird.

Frage-Nr.: 1402
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-07-09

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