Heiko Mell 01.01.2016, 06:40 Uhr

Hierarchie: flach, flacher, am flachsten

Antwort:

Erste Bedenken gegen eine „flache Hierarchie“ sind rein sprachlicher Art: So gut wie nie umreißen wir mit „flach“ eine ausgesprochen positive Wertung. Das gilt vom „flachen Land“ bis zum „flachgelegten Gegner“.

Dass den Schöpfern dieser modernen Organisationsform kein besseres, vorzugsweise englisch klingendes Schlagwort eingefallen ist, stimmt schon etwas nachdenklich. Bei „Handy“ ging es doch auch, da haben wir unsere sprachlichen Vorbilder sogar links außen überholt. Hier aber blieb das Ergebnis der sprachlichen Bemühungen irgendwie – sagen wir – „flach“.

Wobei die Vorteile ebensolcher Hierarchien durchaus gesehen werden müssen: Wer Gruppenleiter abschafft, muss keine mehr bezahlen, mit der Reduzierung des mittleren Managements sinkt auch dessen Schwerfälligkeit und oft erprobte Abneigung, sich gleichberechtigt zu niederrangigen Sachbearbeitern aus anderen Bereichen in Projektgruppen einzubringen.

Aber: Eingeführt wurden die ausgedünnten Hierarchien von Unternehmensleitungen – die sich in der Regel von diesem Prozess ausnahmen. Fälle, in denen ein Abteilungsleiter jetzt GF-Aufgaben mit übernommen und einen Angehörigen dieser Ebene damit ersetzt hätte, sind eher kaum bekannt geworden.

Das jedoch sind nur Randerscheinungen, so wie der sprachliche Aspekt: Sie sollten zu denken geben, beweisen aber absolut noch gar nichts. Schlimmer scheint mir der Verstoß gegen ein tiefsitzendes Urbedürfnis zu sein: Der Mensch will weiterkommen, aufsteigen, hochklettern auf imaginären Sprossen. Und dabei Fortschritte als Anreiz vor Augen haben, erreichen, feiern können – ja, auch das.

Vorher galt es – symbolisch – auf einer an ein hohes Haus gelehnten Leiter Stufe für Stufe das Dach zu erreichen. Spätere Vorstände und Geschäftsführer schafften das, Bereichs- und Hauptabteilungsleiter kamen nahe heran. Jetzt nimmt man vielfach diese Leiter weg – und wer eines Tages „oben“ sein will, soll wohl in einem Sprung von unten her ein paar Stockwerke überspringen.

Das kann nicht sehr reizvoll sein. Entsprechend steigt die Unlust guter junger Nachwuchsleute, die jetzt seit drei bis fünf Jahren dabei sind – und im Hause nur noch Geschäftsführer werden könnten oder gar nichts: Alles oder nichts, wobei „alles“ natürlich nicht geht. Also bleibt nichts, also gehen sie. Und so klagen denn viele „flache“ Unternehmen, dass die jungen Hoffnungsträger alle wieder abwandern (weil keine realistische Perspektive sie hält).

Frisch von der Hochschule und wenn man selbst noch „nichts“ ist – da klingt „flach“ prima. Die anderen sind halt auch nichts, die Welt ist einfach toll. Aber ein paar Jahre später ist man noch immer nicht „mehr“ als die frischen Absolventen der nächsten Jahrgänge. Und in solch einer Situation vermutet man, dass auch andere Mütter schöne Kinder haben – und geht, sie zu suchen.

Ich will hier nicht umstürzen, aber nachdenklich machen. Und ein bisschen warnen vor dem vermeintlich werbenden Argument, man sei so schön „flach“. Schon nach einigen Jahren Praxis schaut der ehrgeizige Mensch nach Positionen, die „Leiter“ heißen.

Alle paar Jahre etwas mehr werden, das wollte der Mensch schon immer. Und so wie man umworbenen Kunden gibt, was sie wollen, so sollte man auch umworbenen potenziellen Mitarbeitern nicht versagen, was sie erst zum Bewerben motiviert und später länger bei der Stange hält.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 14
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2000-03-03

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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