Heiko Mell

Gutes Deutsch – schlechtes Deutsch

Zuerst möchte ich die VDI nachrichten zu Ihrer („Ihrer“ mit großem „I“, d. Autor) äußerst amüsanten und lehrreichen Serie beglückwünschen.

Ein Punkt, bei dem ich etwas meckern möchte, ist der, daß Sie sagen, es käme sehr auf gutes Deutsch an. Sprache ist lebendig. Wer hat das Recht zu behaupten, daß z. B. bayrisch falsches Deutsch ist? (Auszug aus einem längeren Brief, gez. Prof. Dr. -Ing. …)

Antwort:

Ich, geehrter Herr Professor, muß mir schlicht dieses Recht nehmen.

Weil a) weder Bayern, Sachsen, Ostfriesland „Deutschland“, sondern nur liebenswerte Teile davon sind. Also ist auch der dort jeweils gesprochene Dialekt nicht „das richtige Deutsch“, sondern nur eine liebenswürdige Variante davon. Die nicht für das Ganze stehen kann. Schon deshalb nicht, weil sie in anderen Gegenden Deutschlands nicht problemlos verstanden wird! Oder führen Sie einem Ur-Bayern einmal den O-Ton des Kölner Karneval im Fernsehen vor. Aus diesem Grund gibt es ja das Hochdeutsch.

b) es in der von Ihnen gewählten Form an dieser Stelle vermutlich großgeschrieben werden muß (?das Bayrisch?).

Also, ich lasse ja gern jedermann seinen Dialekt. Aber, bitte lieber Herr Ingenieur, der Sie ja auch sind, seien wir doch uneingeschränkt glücklich, daß wir die allgemein verbindliche, überall in unserem Lande problemlos (selbst in Bayern) verstandene Hochsprache haben. Sonst müßten Sie, gerade Sie, doch auch akzeptieren, daß – beispielsweise – Bayern in Fuß rechnet, Sachsen in Ellen und Nordrhein-Westfalen in Klafter. Das gäbe in der Technik dasselbe Durcheinander, das eine allgemeine Verwendung diverser Dialekte im Schriftdeutsch nach sich zöge. Die Sie so gar nicht gefordert haben, die ich aber vorsichtshalber („wehret den Anfängen“) schon einmal ablehnen möchte.

Im weiteren Verlauf Ihres Briefes stellen Sie dann die Verbindlichkeit des „Duden“ für die Rechtschreibung in Frage. Also von mir aus gern – aber was soll dann gelten?

Jede komplizierte, für die Menschheit lebenswichtige „Einrichtung“ setzt doch zwingend überall verbreitete Regeln voraus, die man jederzeit problemlos nachschlagen kann. Gerade die Ingenieure mit ihrem Hang zur Normung müßten doch daran interessiert sein. Eine technische Zeichnung, eine Fertigungsanweisung muß doch auch klar und eindeutig sein. Und man muß im Zweifelsfall sagen können, ob sie richtig oder falsch ausgeführt wurde. Das muß dann aber mindestens ebenso für die Sprache gelten – irgend jemand muß im Alltag verwendbare Richtlinien aufstellen, ob der nun „Duden“ heißt oder anders.

Sonst schreiben Sie „bayrisch“, der nächste „beirisch“, ein Übereifriger macht daraus „beirig“ (wie „mittelständig“) – und aus ist es mit der sicheren Interpretation, was denn überhaupt damit gemeint sein soll.

Und da ich fürchte, daß diese Diskussion sehr leicht ausufern könnte, will ich versuchen, mit einigen sachlichen Feststellungen schnell ein paar Dämme aufzuschütten:

1. Natürlich ist die Frage eines halbwegs richtigen Gebrauchs der Muttersprache hier nur ein Randthema.

2. Wir sprechen hier aber fast ausschließlich über Akademiker, reden also nicht von jenen Menschen, denen das Schicksal eine hochwertige Bildung versagt hat.

3. Eine „Karriereberatung“ wendet sich besonders engagiert an Führungskräfte (auch an Leser, die es erst werden wollen). Im Management ist es aber z. T. überlebenswichtig, eigene Überlegungen in verkaufsfördernder Verpackung, den Ansprüchen des „Kunden“ entsprechend, hinüberzubringen.

Unter den Adressaten dieser „Überlegungen“ mag es natürlich auch solche geben, denen die Feinheiten der Schriftsprache gleichgültig oder unbekannt sind. Aber es gibt auch viele, die würden eine Eingabe angewidert wegwerfen, ohne sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, wenn darin elementare Regeln der Sprache mißachtet werden.

Es gilt doch eindeutig: Wer im Beruf rechnet, muß richtig rechnen. Sie können dem Vorstand keinen Investitionsantrag vorlegen, in dem Sie 16 % Rendite des investierten Kapitals „nachweisen“ – wenn eine Kontrollrechnung später 1,6 % ergibt („was ist schon ein Komma?“). Nun, Sie können schon, aber es wäre nicht gut für Ihre Karriere dortselbst.Warum gilt dann nicht auch: Wer im Beruf schreibt, muß richtig schreiben können? Es gibt ja auch Berufe, da gibt es (fast) nichts zu schreiben. Nur: Manager haben solche Berufe nicht!

Schließlich muß ja auch ein Entwicklungsleiter halbwegs richtig mit Messer und Gabel essen, sonst blamiert er irgendwann irgendwo die Firma. Und mit „ingenieurmäßigem Arbeiten“ hätte auch dieser richtige Gebrauch des Eßbestecks nichts zu tun.

4. Als Trost: Niemand in diesem Lande ist perfekt in Rechtschreibung, nicht einmal Professoren für deutsche Sprache. Tests haben das ergeben. Aber es gibt Fehler, die gelten unter halbwegs vorgebildeten Leuten als „schlimm“ – andere hingegen gelten als harmlos. Die Sprache ist halt kompliziert.

5. Ich bekomme recht viele Geschäftsbriefe von unterschiedlich ranghohen Absendern aus unterschiedlich großen Unternehmen. Und daraus ergibt sich eindeutig: Das Niveau in Sachen Rechtschreibung ist „oben“ recht hoch! Konkret: Mißgriffe, wie ich sie hier öffentlich anprangere, sind gerade in oberen Etagen sehr selten. Und es gilt: Wer selbst überwiegend richtig schreibt, „zuckt“ leicht bei den Fehlern anderer. Das ist wie beim Autofahren …

Schließlich bekomme ich keine Verkaufsprovision pro Duden-Exemplar, ich will meine Leser nur warnen. So manche Ablehnung von wichtigen Bewerbungen oder innerbetrieblichen Anträgen dürfte auf das „Naserümpfen“ des Empfängers zurückzuführen sein. Schreiben Sie einem Vorstand, er sei ein „Forstant“ – und Sie sind „tot“.

6. Mir ist bei diesem Thema immer ein bißchen unwohl. Denn eigentlich bin ich selbst überhaupt nicht hinreichend qualifiziert, um über Sprache zu richten. Nehmen Sie es etwa so: Wenn mir also etwas auffällt, muß es wohl schon recht schlimm sein. Und natürlich bin ich als „leuchtendes Beispiel“ völlig ungeeignet, sicher mache ich selbst eine Menge Fehler. Also nehmen Sie mich bloß nicht als Maßstab. Ich bin nur der Arzt, der da predigt: „Es ist besser, Sie leben gesund“ – ob er selbst täglich „sündigt“, ist dabei schließlich unerheblich. Durch seine Regelverstöße wird sein Rat nicht weniger richtig …

Kurzantwort:

Wir sind sehr froh, daß wir in Deutschland verbindliche Regeln für technische Maßangaben haben. Dann sollten wir auch froh sein über Regeln, die beim Gebrauch unserer Muttersprache die einfache Unterscheidung in „richtig“ und „falsch“ erlauben. Und: Gebildete Führungskräfte murmeln bei bestimmten Rechtschreibfehlern anderer schlicht: „Niveaulos.“

Frage-Nr.: 1380
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-04-16

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