Heiko Mell

Versprechen gebrochen?

Antwort:

Es gibt gute Erklärungen für bestimmte Entwicklungen und schlechte. Der Chef habe gemachte Versprechungen gebrochen, gegebene Zusagen nicht eingehalten, muss eine gute sein. Jedenfalls in den Augen von Bewerbern, die sie vorbringen. Mit dem Brustton der Überzeugung, oft voller Entrüstung und im Bewusstsein, dass ihnen großes Unrecht widerfahren ist.Der Fachmann ist da wesentlich skeptischer:

Da ist einmal die Frage, was in dem Zusammenhang ein „Versprechen“ oder eine „Zusage“ überhaupt ist. „Sie übernehmen zum 1. Mai nächsten Jahres die Leitung des Bereiches …“, wäre ein gutes Beispiel. Allerdings könnte diese klare Geschichte dann auch gleich schriftlich vereinbart werden, nichts spräche dagegen. Damit wäre die Nichteinhaltung Vertragsbruch, von dem jedoch nie die Rede ist. Also ist eine derart präzise Aussage des Chefs wohl doch nicht gemeint gewesen.Stattdessen dürfte es sich um „Absichtserklärungen“ unverbindlicher Art handeln, meist auch noch bewusst „weich“ verpackt. „Ich könnte“, sagt dann der Chef, „mir durchaus vorstellen, dass Sie Nachfolger dieses Positionsinhabers werden.“ Könnte er. Aber ein „Versprechen“ wäre das nicht, eine Zusage schon gar nicht!

Es gehört zu den Realitäten des Wirtschaftslebens, dass Zeiträume für sichere Planungen immer kürzer werden – was heute noch hausintern im Mittelpunkt des Interesses steht, wird morgen vielleicht händeringend zum Verkauf angeboten. Diese Veränderungen entziehen vielen Absichtserklärungen schlicht den Boden, ohne dass Bosheit im Spiel war. Damit muss der Betroffene immer rechnen.Na und dann besteht stets die Möglichkeit, dass der Chef von „Chancen“ gesprochen hat, die mit „Bewährung“ des Mitarbeiters zu tun haben. Erfolgt keine Einlösung des „Versprechens“, hat der Kandidat sich vielleicht nicht bewährt. Daran denkt der Zuhörer bei einer solchen Geschichte unbedingt zuerst!

Also lehrt die Lebenserfahrung: Die „Versprechen“ und „Zusagen“ waren vermutlich keine – oft hört der Mensch, was er zu hören hofft. Werden die chefseitigen Absichtserklärungen nicht realisiert, könnte die Ursache neben allem anderen auch in der Person des Mitarbeiters liegen.

Und: Einen guten Eindruck hinterlässt die ganze Sache beim potenziellen (neuen) Arbeitgeber schon deshalb nicht, weil auch der sofort überlegt, was er Kandidaten gegenüber so an allgemeinen Absichtserklärungen abgibt oder besser, von welchen „Möglichkeiten der späteren Entwicklung“ er gelegentlich spricht. Und dann hat er Angst, dieser Mensch hier nimmt jede vage Erläuterung gleich als konkrete Zusage. Also hält er sich lieber zurück – vielleicht sogar mit der Einstellung.

Fazit: Die Erklärung mit den gebrochenen Versprechen taugt nichts.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 138
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-11-29

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