Heiko Mell

Lob, noch mehr Lob, Penetranz

Antwort:

Es gibt einen ziemlich einheitlichen Stil für Geschäftsbriefe in diesem Land. Den könnte man mit kurz, klar, sachlich umreißen. Manchmal schleicht sich sogar eine gewisse Kühle ein – die oft gar nicht böse gemeint ist, sondern sich aus den Zwängen des Tagesgeschäfts ergibt.

Diesem Stil folgen auch Zeugnisse – sofern dieselben Leute sie formulieren, die sonst die Geschäftskorrespondenz erledigen. Man kann sogar sagen: Je größer das Unternehmen, desto knapper und „geschäftsmäßiger“ das Zeugnis.

Jetzt kommt es vor, dass ausscheidenden Mitarbeitern erlaubt wird, einen Entwurf ihres Arbeitszeugnisses selbst zu formulieren. Mitunter sind die Vorgesetzten sogar recht dankbar für die Möglichkeit, diese lästige Zusatzarbeit delegieren zu dürfen.

Da sitzt dann der Mitarbeiter und ringt um jedes Detail. Im rein sachlichen Bereich (Name, Eintrittsdatum, Position, Aufgaben) geht das ja alles noch.Halt, auch da gibt es bereits ein erstes Problem: Der Verfasser will alles, aber auch wirklich alles, was er je dort gemacht hat, schriftlich dokumentiert wissen. Was dabei herauskommt, ist vor allem Länge, den künftigen Leser ermüdende Länge. Niemand liest viele Jahre später all das Zeug – außerdem gehört das Relevante aus diesem Sammelsurium von Tätigkeiten sowieso in den Lebenslauf, wo es problemlos geglaubt wird.

Aber dann: die Beurteilung! Nicht nur, dass der betroffene Mitarbeiter bestrebt ist, sich als „der Größte“ darzustellen – es muss dann schon der Allergrößte sein. Das Feilen an jedem Detail, um ja den Superlativ erkennbar werden zu lassen, fällt noch nicht einmal so sehr bei den eigentlichen Beurteilungspassagen im letzten Zeugnisdrittel auf. Nein, die penetrante Inflation dieser Begriffe findet an jeder denkbaren Stelle des Dokumentes statt.

Statt: „Am … … … wurde er zum Leiter der Abteilung ernannt“, heißt es: „Wegen seiner einmaligen herausragenden, erfolgreichen Leistung wurde er …“Oder: Er hat nicht etwa nur „den Umsatz um 25 % gesteigert“, sondern: „Mit seinem rastlosen Einsatz, seinem einnehmenden Wesen und unter Anwendung seines brillanten (besser: außerordentlich brillanten) Fachwissens gelang es ihm …“Wer, in aller Welt, will so etwas lesen. Superlativ in jedem Satz, das ermüdet, riecht zum Himmel – und ist „gegen den Wind“ als vom Mitarbeiter selbst formuliert erkennbar!

Ein Großkonzern würde etwa ausführen: „Am … trat er als Leiter … bei uns ein. Zum … übernahm er den Vorsitz des Vorstands.“ Das reicht bis dahin völlig – jeder vernünftige Mensch weiß, welche Art von Top-Leistung und adäquatem Persönlichkeitsprofil dieser Beförderung zugrunde lagen.

Fazit: Es ist nicht nur eine Chance, wenn man den Zeugnisentwurf selbst schreiben darf. Das ganze ist auch mit dem Risiko verbunden, dass man Unsinn formuliert, den jeder Fachmann kopfschüttelnd als „selbstgestrickt“ erkennt – und den der damalige Vorgesetzte offenbar kritiklos abgezeichnet hat. Auf den also darf man sich auch nicht verlassen … (und oft wüsste der auch gar nicht, wo er mit dem Streichen anfangen sollte, also zuckt er die Schultern).

Kurzantwort:

Es gibt einen ziemlich einheitlichen Stil für Geschäftsbriefe in diesem Land. Den könnte man mit kurz, klar, sachlich umreißen. Manchmal schleicht sich sogar eine gewisse Kühle ein – die oft gar nicht böse gemeint ist, sondern sich aus den Zwängen des Tagesgeschäfts ergibt.

Frage-Nr.: 133
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-12-10

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