Heiko Mell

Zweifel gehen zu Ihren Lasten

Antwort:

Es mag durchaus sein, dass sich ein Bewerber, die Entscheidung über sein Anliegen erwartend, auch selbst ein bisschen fühlt wie ein Angeklagter vor Gericht. In beiden Fällen gibt es da einen hoffentlich weisen Menschen, der über ihn „richtet“, nachher nicht mehr darüber diskutiert und anschließend auch kein Argument in der Sache mehr hören will.

Und doch ist da ein fundamentaler Unterschied: Angeklagten muss man beweisen, dass sie schuldig sind, Fehler gemacht haben. Zweifel werden zu ihren Gunsten gewertet. Bewerber hingegen haben selbst unter Beweis zu stellen, dass sie qualifiziert sind, Zweifel gehen zu ihren Lasten.

Dieser Zweifel sind viele: Wie groß ist Arbeitgeber Nr. 2 im Lebenslauf, was für ein Geschäft betreibt Nr. 4 eigentlich? Warum will dieser Bewerber nach so kurzer Dienstzeit jetzt schon wieder – oder überhaupt – dort weg? Wonach strebt er eigentlich – wo doch die offerierte Position keineswegs logisch zum Werdegang passt? Hat er gemerkt, dass dies hier keine Führungsposition ist – wo er doch stolz im Lebenslauf von 20 unterstellten Mitarbeitern spricht? Warum gibt es kein Zeugnis aus der letzten beendeten Anstellung und wieso sagt er viel über Früheres, aber kein Wort über die heutige Tätigkeit? Wie hat er eigentlich sein Examen abgelegt, wo sind die Blätter mit den Noten?

Besonders kritisch sind Zweifel im Bereich konkreter Zahlen: Wann kann der Kandidat beim neuen Arbeitgeber anfangen, welche Kündigungsfrist ist einzuhalten? Und, alles überstrahlend: Welchen Preis hat die von diesem Bewerber offerierte Leistung – also welches Gehalt verlangt er? Das alberne Angebot, darüber im „persönlichen Gespräch“ zu reden, ist absolut kein Ersatz für klare Preisangaben.

Genug der Beispiele. Bleibt die Warnung, dass der eindeutige, schnell erfassbare, dem speziellen Arbeitgeber spontan ins Auge fallende „Beweis“ der Qualifikation des Bewerbers dessen ureigene Pflicht ist. Genügt er der nicht, muss er mit Ablehnung „wegen Unklarheiten“ rechnen. Eben weil in diesem Metier „im Zweifel gegen den Bewerber“ entschieden wird.

Also lautet die dringende Empfehlung: Gehen Sie Ihr „Machwerk“ am Schluss noch einmal systematisch durch. Und prüfen Sie kritisch: Wo bleiben Unklarheiten aus der Sicht eines gestressten, für einen ersten Schnelldurchgang weniger als eine Minute Zeit investierenden Leser, der aus fünfzig oder hundert Zuschriften wählen muss? Was versteht er nicht, was kann er nicht wissen, wo bleiben Fragen offen – Zweifel eben? Und dann füllen Sie die Lücken! Durch Angaben im Anschreiben und/oder Lebenslauf, nachdem Sie sich in den Leser hineinversetzt haben. Der vielleicht junger Personalreferent aus Branche A ist, während Sie „alter Hase“ in Branche C sind – womit man wunderschön aneinander vorbeireden kann.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 132
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-10-10

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