Heiko Mell

Die „Karriereberatung“ als Illusionen-Killer?

Antwort:

„Du nimmst“, mahnte ein befreundeter Hochschullehrer jüngst beim Rotwein, „mit deinen Beiträgen vielen Studenten die Illusionen im Hinblick auf ihr späteres Berufsleben.“ Die aber brauchten sie, um mit vollem Engagement und großer Begeisterung die ersten Schritte in die für sie neue Welt zu tun.

Da stehe ich und bin zumindest nachdenklich. Hat er nun Recht? Ich glaube, es gibt diesen „Effekt“ bei jungen Leuten tatsächlich. Wenn auch nicht bei allen, wie der Posteingang der Serie ausweist. Richtig aber ist: Wer noch studiert und schon diese Beiträge liest, kann durchaus in einen Zwiespalt geraten. Für ihn ergeben sich leicht unterschiedliche Bilder von der Praxis „da draußen“: Eines davon zeichnet er sich selbst nach den Informationen, die er an der Hochschule bekommt (oder nicht bekommt und sich erträumt) – ein anderes ergibt sich für ihn beispielsweise aus dieser Serie.

Und wenn letzteres Bild auf ersteres prallt, ist es sehr wohl denkbar, dass der Student sich entweder seine Illusionen nehmen lässt und Ideale verliert – oder ganz schlicht mit dem Überbringer unangenehmer Nachrichten nichts weiter zu tun haben will, hochillusionsgeladen bleibt, so ins Berufsleben geht und dann seine Ideale gegen die Wand fährt.

Ich gestehe meinem Freunde zu, dass es schade ist um den Energieverlust, der letztlich mit jedem Prozess der Desillusionierung verbunden ist. Zum Beispiel mit jenem, dem der noch studierende junge Mensch unterliegt, wenn er meine Artikel in die Hand bekommt. Wir sind es dem Nachwuchs schuldig: Man sollte etwas dagegen tun.

Aber was? Wenn meine Informationen die Verluste auslösen, gehören sie auf den Prüfstand: Ist falsch, was ich sage über das System „da draußen“? Das hat eigentlich noch niemand behauptet. Bis auf die, die alles als „noch viel schlimmer“ empfinden. Soll ich meine Aussagen schönen, nur von Sonnenschein reden, wenn es in Wirklichkeit auch stürmt und regnet? Wer läse denn solchen Unsinn auf Dauer – die Mehrzahl der Leser steht schließlich mittendrin im Ernst des täglichen Lebens und würde sich „bedanken“ für eitel Schönfärberei.

Ich erinnere mich an früher gern gesehene Wildwest-Filme. Kavallerie gegen Indianer. Da war dann ein blutjunger Leutnant, soeben der Offiziersakademie West Point entsprungen, führte jetzt die B-Kompanie und richtete ein lebensgefährliches Chaos nach dem anderen an. Weil die „Welt da draußen“ so ganz anders war als er es nach seiner Ausbildung erwartet hatte. Und wenn da nicht so ein alter Sergeant gewesen wäre, der den naseweisen Leutnant vor dem Schlimmsten bewahren konnte, wäre letzterer oft schon im ersten Gefecht gefallen. Was gelegentlich dennoch passiert ist – auch erfahrene Feldwebel können nicht überall sein.

Wer lässt sich dabei nun als Schuldiger ermitteln? Gut, ich gebe zu, zunächst einmal die Praxis, die schon damals so ignorant war, sich außerhalb der Regeln zu bewegen, die an der Kriegsschule vermittelt wurden. Dann sofort danach der Sergeant: Hätte der den Leutnant einfach machen lassen, hätten die armen Indianer viel öfter gesiegt und die Armee hätte viel mehr neue Leute einstellen können. Und West Point? Nun, die West Points dieser Welt, im Zivilbereich durch Hochschule zu ersetzen, sind irgendwo unfehl- bis unangreifbar. Und doch: Sie vermitteln die Illusionen, für die Jung-Offiziere in Indianerkriegen oder Jung-Ingenieure im industriellen Alltag dann so oft so bitter büßen müssen.

Die Ausbildung geschieht doch ausschließlich für jene harte Welt da draußen. Warum also erst der Umweg über die Illusionen – und es schön der „bösen Praxis“ überlassen, diese wieder auszuräumen?

Ich nehme den Vorwurf an, Träume zu zerstören. Aber ich frage meinen Freund: „Warum förderst du erst solche? Wer deinen Einflussbereich verlässt, ist 28. Da hat er längst ein Recht auf die Vermittlung eines realen Bildes.“ Wessen Kreise störte es eigentlich, würden häufiger auch erfahrene „Frontkämpfer“ an Akademien lehren?

Kurzantwort:

„Du nimmst“, mahnte ein befreundeter Hochschullehrer jüngst beim Rotwein, „mit deinen Beiträgen vielen Studenten die Illusionen im Hinblick auf ihr späteres Berufsleben.“ Die aber brauchten sie, um mit vollem Engagement und großer Begeisterung die ersten Schritte in die für sie neue Welt zu tun. …

Frage-Nr.: 130
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-09-13

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