Heiko Mell

Arbeitslos „auf eigenen Wunsch“

Natürlich bekommen Sie viel Post, möglicherweise aber nicht jeden Tag von einem Psychiater. Nachdem ich nun aber schon längere Zeit Ihre Karriereberatung mit großem Interesse und vor allem Gewinn studiere (mein Schwiegersohn ist Ingenieur, deshalb komme ich an die VDI nachrichten) möchte ich Ihnen doch ein konkretes Kompliment machen:

Auch ein Psychiater, der seit drei Jahrzehnten in Klinik und Ambulanz tätig ist (und wahrhaftig nicht nur für Geisteskranke), kann von Ihnen noch einiges lernen. Ich tu“s jedes Mal mit Vergnügen.

Mit den besten Wünschen für Ihre weitere Arbeit und freundlichen Grüßen (gez. Prof. Dr. …, Leiter der Abtlg. Psychiatrie der Universität …).

Leser B: Während meines Maschinenbaustudiums begann ich, regelmäßig Ihre Rubrik in den VDI nachrichten zu verfolgen. Anfänglich tat ich dies mit Befremden, hielt ich Ihre Ausführungen doch für einseitig und überzogen; jedoch keimte in mir bald der Verdacht, daß Ihre Darstellung der Zusammenhänge vielleicht doch nicht jeder Grundlage entbehren könnte. Da ich nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen hatte, beschloß ich, mein Handeln danach auszurichten.

Ich muß mich heute bei Ihnen bedanken, daß ich meine Chancen nutzen konnte, obwohl ich damals eigentlich keine hatte.

Leser C: Seit Jahren lese ich mit großer Aufmerksamkeit Ihre Karriereberatung. Bisher gab es keinen konkreten Anlaß für mich, Sie um Rat zu fragen. Außerdem hatte ich auch zu viel Angst davor, Ihnen zu schreiben und mich damit bewußt Ihren manchmal recht spitzen Bemerkungen auszusetzen. Doch nun hat sich eine Situation ergeben, …

Antwort:

Angst, geehrter Leser C, kenne auch ich gut. Beispielsweise, wenn ich fast vierzehn Jahre lang jede Woche in dieser Zeitung viele Zeilen schreibe, dabei ganz sicher auch viel von mir preisgebe und Einblicke in meine Persönlichkeit zulasse – und dann plötzlich einen Brief mit einem Absender wie dem von Leser A bekomme. Ein renommierter Psychiater hat viel von dem gelesen, was ich hier ausbreite! Was mag der nun daraus ableiten – jetzt, in den nächsten paar Zeilen, muß sein vernichtendes Urteil ja wohl kommen. Und ich kann fast nichts dagegen tun. Mögen mich Ingenieure angreifen oder notfalls Juristen, aber wenn ein Psychiater mir als Autor etwas nachweist, bin ich so „tot“, töter geht es gar nicht.

Das, geehrter Leser C, ist keine Angst mehr, das ist Panik. Und er, der Psychiater, kennt meinen Namen (aber Ihren kennt niemand, wenn Ihre Frage hier von mir besprochen wird; außer mir, natürlich, aber ich vergesse Namen ohnehin sofort wieder).

Also, dies als Trost, Angst vor dem Urteil vermeintlich unwiderlegbarer Koryphäen ist ganz normal – wie überhaupt Angst ein grundsätzlich ganz natürliches Gefühl sein dürfte, mit dem der Mensch Geist und/oder Körper davor warnt, keine allzu großen Risiken einzugehen. Aber ein Warnsignal heißt ja noch nicht, daß man nun kopflos weglaufen soll. Im Gegenteil: Oft gilt es, sich tapfer darüber hinwegzusetzen und „es“ – gewarnt – dennoch zu tun, wenn auch mit besonderer Vorsicht.

Was wir beide dann ja auch taten – Sie schrieben mir Ihr Problem, ich las den Brief A zu Ende. Und sehen Sie, so schlimm war es denn gar nicht, zumindest in meinem Fall.

Bleibt mir, nach getanem Erleichterungsseufzer, Leser A besonders dafür zu danken, daß es halt keine Analyse des Autors wurde, sondern „nur“ ein Kompliment.Letzteres gilt meinerseits, geehrter Herr Professor, Ihrem Herrn Schwiegersohn. Nicht nur ein Ingenieur, sondern auch noch ein mutiger. Wer weiß, ob ich mich seinerzeit getraut hätte, einen Antrittsbesuch mit Heiratsabsichten zu machen bei dem Beruf, den der Vater hat ….

Was alles nur daran liegt, daß Ingenieure so wenig wissen über das, was Psychiater so tun. Vielleicht können die ja auch gar keine Diagnose stellen, bloß weil man beim Erstbesuch den Begrüßungsdrink umwirft oder ein bißchen stottert oder weil man ab und zu ein paar Abhandlungen in technischen Zeitungen schreibt. Vielleicht sind die ja auch netter als ihr Ruf. Jetzt bin ich fast soweit, daran zu glauben.

Glauben wiederum war ein Problem von Leser B, das er – diese Information bekomme ich öfter – mit vielen teilt: „…keimte in mir bald der Verdacht, daß Ihre Darstellung … vielleicht doch nicht jeder Grundlage entbehren könnte“ – hübsch gesagt.

Womit nun wir Älteren gefordert sind: Was erzählen wir als Eltern, Lehrer, Hochschulprofessoren eigentlich der Jugend, daß sie sich nur so wenig mit der „Welt da draußen“ auseinandersetzt? In und von der sie in Kürze leben will, wohlgemerkt.

Und die in weiten Teilen vermutlich tatsächlich so ist wie ich sie darstelle. Inzwischen verfüge ich ja sogar über das positive „Gutachten“ eines Psychiatrie-Professors. Den ich amüsieren konnte („mit Vergnügen“) – und der sicherlich auch so seine Einblicke hat in menschliche Irrungen und Wirrungen. Fast wie ein langgedienter Unternehmensberater, denke ich mir.

Frage-Nr.: 1271
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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