Heiko Mell

Selbstständig

Antwort:

Aus langjähriger eigener Praxis und aus zahlreichen Gesprächen mit erfolgreichen und gescheiterten Selbstständigen ergibt sich eine Kernregel, die in ihrer Bedeutung alles andere überstrahlt:

Ob Sie sich selbstständig machen und auf welchem Gebiet mit welchem Programm sollte weniger von Ihren fachlichen Qualifikationen und Spezialkenntnissen abhängig sein als von Ihrer Fähigkeit, Aufträge in diesem Bereich zu beschaffen. Nicht „Was kann ich am besten?“ ist entscheidend, sondern „In welchem Fachbereich, bei welcher fachlichen Ausrichtung bekomme ich mit der größten Wahrscheinlichkeit Aufträge?“ ist das zentrale Thema aller Planungen.

Krass formuliert: Selbst wenn Sie von Ihrem künftigen Tätigkeitsbereich wenig verstehen, ist das vermutlich das kleinere Übel. Schaffen Sie es, genügend viele und immer neue Aufträge zu erhalten, stellen Sie einfach hochqualifizierte Mitarbeiter ein. Andererseits: Einer der besten Fachkönner des Landes zu sein, ein Firmenschild an den Gartenzaun zu hängen und auf „strömende“ Aufträge zu hoffen, bringt gar nichts. Auch tausend Werbebriefe können erfolglos verpuffen.Unbedingt erforderlich sind betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse und professionelle Unterstützung von Anfang an durch eine stundenweise Buchhaltungsfachkraft oder ein Steuerberatungsbüro.

Und dann brauchen Sie Geld, möglichst viel Geld. Weil boshafterweise alle Ihnen entstehenden Kosten sofort fällig werden, während Gelder von Kunden erst sehr viel später(!) oder oft auch gar nicht hereinkommen. Es wäre sehr empfehlenswert, wenn ein hoher Anteil der zunächst benötigten Summen echtes Eigenkapital wäre und nicht auch noch gegen Zinsen geliehenes Geld. So etwa drei bis sechs Monate bei vollen privaten und geschäftlichen Kosten ohne jede Einnahme (als solche gilt eingegangenes Geld, nicht nur geschriebene Rechnungen!) sollten Sie schon durchhalten können.

Und Sie brauchen Erfahrung im Metier, nicht bloß angelerntes, aber unerprobtes Wissen. Das reicht von „Wie formuliere ich einen Geschäftsbrief?“ über „Was sind die in dieser Branche üblichen Gepflogenheiten?“ bis zu „Wozu sind Kunden fähig?“.

Auch aus diesen Gründen bin ich außerordentlich skeptisch, was die Selbstständigkeit direkt nach dem Studium angeht.

Dass nach einem gescheiterten Experiment dieser Art der Arbeitsmarkt nicht gerade auf Sie wartet und dass potenzielle Arbeitgeber für jede Angestellten-Position Bewerber vorziehen, die schon immer(!) Angestellte waren, dürfte sich herumgesprochen haben.

Natürlich steht auch noch etwas anderes unter „Selbstständigkeit“: Sie dürfen – insbesondere in der Aufbauphase – viel mehr und länger arbeiten und sind eigentlich immer im Dienst. Sie haben nicht nur diesen einen unmöglichen Chef, sondern fünf oder zwanzig noch viel schwierigere Kunden. Sie können zwar nicht mehr gefeuert werden, man nennt es nun stattdessen „Pleite“.

Warum einige Unentwegte es dennoch tun? Nun, finden Sie es heraus, Attraktives spricht sich stets von selbst herum. Aber denken Sie an die Sache mit den Aufträgen … Alles andere findet sich dann schon.

Ein simples Beispiel: Wenn Sie fünf neue Kunden pro Monat gewinnen können und vier davon durch Unfähigkeit wieder verlieren – bleibt ein neuer (zusätzlicher!) pro Monat übrig. Davon träumen viele bloß.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 127
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-08-23

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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